Gernot L. Geise
Der Sphinx und der Chephren-Taltempel
© 2005 veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 4/2005

Der Sphinx
In unmittelbarer Nähe der Chephren-Pyramide befindet sich die bekannte riesige Figur des Sphinx, ein liegender Löwe mit einem menschlichen Kopf. Die Figur befindet sich in einem erbärmlichen Zustand und ist, obwohl sichtlich im Laufe der Jahrhunderte mehrfach ausgebessert, kaum noch als Figur erkennbar. Der Körper ist stark durch Erosionsfurchen geschädigt, das Gesicht ist überhaupt nicht mehr als solches erkennbar. War es noch vor dreißig Jahren relativ deutlich zu erkennen, hat der Erosionsverfall in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Demgemäß sind die Fotos, die in Büchern und Prospekten abgebildet sind, auch alle älteren Datums. Ursprünglich trug die Figur noch den pharaonischen Zeremonialbart. Napoleon fand Fragmente davon, die später in britischen Besitz übergingen und sich heute im Britischen Museum in London befinden. Die ägyptischen Restauratoren würden gerne diese Fragmente wieder an der Figur befestigen, um damit den Kopf zu stützen, der absturzgefährdet ist, doch die Engländer verweigern die Rückgabe.

Das Gesicht des Sphinx ist heute so sehr erodiert, dass es kaum noch erkennbar ist.

Der megalithische Innenraum des Taltempels.
Nach offizieller Meinung wurde die 73 Meter lange und zwanzig Meter hohe Figur, die auf Fotos oder in Filmen um ein Vielfaches größer wirkt als in Wirklichkeit, von Pharao Chephren aus den dortigen Sandsteinfelsen herausgemeißelt. Bei den Altägyptern hieß die Figur „Harmachis Horus“ („Horus am Horizont“). Ihr Alter wird immer noch mit rund 4500 Jahre angegeben, obwohl es inzwischen seriöse Untersuchungen gibt, die aufgrund der starken Erosionsspuren ein Alter von mindestens zehntausend Jahren annehmen. Die Erosionsspuren stammen mit größter Wahrscheinlichkeit von starkem, lang anhaltendem Wassereinfluss, und solche Witterungsbedingungen gab es in diesem Gebiet nur vor frühestens zehntausend Jahren. Seither lag die Figur die meiste Zeit unter schützendem Sand verborgen, von dem sie im Lauf ihrer Geschichte mehrmals befreit wurde. Die Erosionsspuren können also nicht von Sandsturmeinwirkungen stammen.

Bei der Verarbeitung der Granitblöcke wurden Ecken und Kanten ausgespart. Man beachte die Eckenverfugungen.
Auch das Gesicht des Sphinx stellt - trotz fehlender Nase - keinesfalls das Gesicht von Pharao Chephren dar, wie man durch vielfache Vergleiche mit Chephren-Statuen herausgefunden hat.
Der direkt an die Grube mit dem Sphinx anschließende so genannte Taltempel des Chephren oder Sphinx-Tempel ist eine Besonderheit, dem meist viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Es handelt sich nämlich um einen Bau, der in Megalithbauweise aus Granitblöcken hergestellt worden ist, wobei er sich durchaus auffallend von anderen Tempelbauten unterscheidet.

Die Sandstein-Außenverkleidung weist starke Erosionserscheinungen auf.
Dabei wurde hier nicht nur der fugenlose Zusammenbau schwerster und größter blank polierter Steinblöcke praktiziert, wie in den Gizeh-Pyramiden. Die unbekannten Erbauer haben zusätzlich eine Bautechnik angewendet, die ich in anderen Tempeln (oder in der Cheopspyramide) nicht sah. Die Granitblöcke sind nämlich nicht nur sauber über- und nebeneinander verbaut, sondern auch so bearbeitet, dass sie Ecken und Winkelaussparungen aufweisen. Man hat den Eindruck, als ob die Erbauer der Einfachheit halber (beispielsweise) aus genau passenden Blöcken einen Kubus aufgebaut und dann, als ob das Gestein butterweich gewesen wäre, unabhängig von den Quadern mit einem großen Messer den rechteckigen Innenraum herausgeschnitten hätten.
Abgesehen davon, dass es nur mit „Verrenkungen“ erklärbar ist, wie die Altägypter, denen die Ägyptologie bis zum heutigen Tag nur Kupferwerkzeuge zubilligt, ohne entsprechendes Spezialwerkzeug die harten Granitblöcke millimetergenau plan bearbeitet haben sollen, deutet absolut nichts auf Pharao Chephren als Erbauer hin (was nicht ausschließt, dass dieser Pharao den Tempel einst für seine Zwecke genutzt hat). Alle diese Benennungen sind reine Annahmen. Der Taltempel mit allen Anbauten und Innenräumen ist und war völlig schmucklos und ohne jede Inschrift, genauso wie die Innenräume der Cheopspyramide.
Irgendwann wurde, aus welchen Gründen auch immer, die Granitfassade dieses Tempels durch relativ weichen Sandstein verkleidet, der allerdings im Laufe der Jahrtausende sehr stark verwittert ist, ganz ähnlich wie der Körper der Sphinx-Figur. Die Verkleidung ist eventuell auch schon beim Bau angebracht worden, heute jedoch teilweise bereits abgefallen. Auch sie war schmuck- und inschriftlos.

Die starke Verwitterung an der Außenverkleidung aus Sandstein des Taltempels kann man hier auf der rechten Seite erkennen. Im Hintergrund der Sphinx und noch weiter im Hintergrund die Cheopspyramide.
Man könnte sich nun fragen, warum Baumeister, die mit schwersten Granitblöcken umgehen konnten wie mit Spielzeug-Bauklötzchen, und denen die perfekte Bearbeitung von hartem Granit ein Leichtes war, für die Außenfassade ein derart weiches Gestein auswählten. Demgemäß tendieren auch einige Ägyptologen zu der Annahme, dass diese Verkleidung erst zu einem späteren Zeitpunkt vorgenommen worden sei. Das ergibt allerdings kaum einen Sinn, denn die Granitblöcke sehen auch heute noch aus wie neu. Warum sollte man sie zusätzlich mit weichem Gestein verkleiden?
Allein aus dem Aussehen der Außenverkleidung könnte man jedoch schließen, dass diese Tempelanlage ebenso alt wie der Sphinx ist, nämlich rund zehntausend Jahre.
(Alle Fotos: © Gernot L. Geise)