Heinz Günther Birk

Die „heilige Zahl“ 622

(Veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 26/1998)

Irgend etwas stimmt mit unseren Geschichtsdaten und den liebgewordenen Zeittafeln, seien sie auch noch so mühevoll zusammengestellt, offenbar nicht. So völlig neu ist diese Vermutung natürlich keineswegs, kleine Fehler sind ja im Rückblick auf zwei- oder dreitausend Jahre Geschichtsschreibung selbstverständlich zu erwarten. Je älter das Werk eines Historikers, desto höher die Gefahr von „kleinen Ungereimtheiten“, Irrtümern oder fehlerhaften mündlichen Überlieferungen. Im großen und ganzen jedoch, so die „allgemein anerkannte“ Wissenschaft, ist unser Bild der Vergangenheit einigermaßen stimmig.

Doch die Zweifel an diesem uns allmählich liebgewordenen Bild der Vergangenheit nehmen in den letzten Jahren beständig zu. Nicht Korrekturen um einige Jahre oder Jahrzehnte beherrschen das Bild, ganze Epochen und Persönlichkeiten der Weltgeschichte werden profund und massiv angezweifelt. Ein neues Wort gar, die sogenannte „Chronologieverkürzung“ wurde mittlerweile kreiert. So stellte Dr. Heribert Illig bereits im Jahre 1991 profunde Indizien vor, welche sowohl das frühe Mittelalter als auch Karl den Großen als Fälschung entlarvten. Doch war Dr. Illig bei weitem nicht der erste und einzigste Wissenschaftler, der sich mit diesem Thema befasste. Schon in den vierziger Jahren postulierte Immanuel Velikovsky, dass man selbst die sorgsam erstellten Königsdynastien Ägyptens um mehr als ein halbes Jahrtausend verkürzen müsse. Man habe, so seine Aussage, aus mehreren Namen eines einzigen Pharaos munter ganze Dynastien erstellt. Natürlich sind solche Thesen schwer verdaulich, nimmt man nur das Beispiel des großen Pharao Ramses II. Dieser soll ja auf dem Gebiet des heutigen Palästina einen großen Feldzug gegen die Hethiter geführt haben. Jene Hethiter, obwohl angeblich eine mächtige Hochkultur, vergleichbar der der Pharaonen vom Nil, entziehen sich bis heute mangels ausreichender Funde der Forschung. Velikovskys Argumentation, Ramses II. sei gleichbedeutend mit dem im Buch Jeremia des Alten Testamentes erwähnten Pharao Necho und somit Gegner des babylonischen Königs Nebukadnezar gewesen, klingt natürlich auf den ersten Blick seltsam. Den Gegner Nebukadnezars, der immerhin neunzehn Jahre lang Krieg geführt hat, kann die Ägyptologie bisher nicht identifizieren. Prüft man jedoch diese Velikovsky-Darstellung anhand weiterer, mitunter auch nicht „glaubhafter“ historischer Berichte, wird eine Chronologie-Verkürzung wahrscheinlicher.

Zu diesen „unsicheren Kantonisten“ gehört zweifelsohne der jüdische Historiker Flavius Josephus. Neben seinen allseits bekannten großen Werken wie die „Jüdischen Altertümer“ und „Der jüdische Krieg“ sind für unsere Diskussion die „Kleineren Schriften“ von Bedeutung. Die Schrift „Judas Makkabäus“ ist wohl das umstrittenste Werk des im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebenden Historikers.

Dort schildert Josephus eine Belagerung der Stadt Jerusalem, wo sämtliche Personen und Daten scheinbar durcheinandergeraten. Judith, auch im gleichnamigen apokryphen Buch zum Alten Testament ausführlich geschildert, schlich sich aus dem „arg bedrängten“ Jerusalem hinein in das Lager der Assyrer. Dieses wurde vom Feldhauptmann des Königs Assurbanipal, Holofernes, befehligt. Neben seiner schweren Tätigkeit als Kriegsführer war der gute Holofernes auch den weltlichen Freuden wie Wein, Weib und Gesang nicht abhold. Die von Josephus als schön und mutig beschriebene Judith verhieß dem Feldherrn also eine romantische Nacht. In wilder Vorfreude leerte Holofernes wohl zuvor einige Krüge schweren Weines zuviel. Als er sich nun, nach übermäßigem Genuss des Rebensaftes, auf sein Lager legte, schlug ihm Judith den Kopf ab. Mit ihrem schaurigen „Souvenir“ gelang es ihr irgendwie, an den Wachen der Assyrer vorbei und ungesehen hinter die Mauern des belagerten Jerusalem zu kommen. Die Verteidiger der belagerten Stadt steckten das Haupt des Holofernes auf einen Spieß und befestigten diesen auf der Stadtmauer. Erst als der Morgen graute, erkannten die Assyrer, was mit ihrem Feldherrn geschehen war. Vor allem der Anblick des Hauptes auf den Zinnen der Mauer soll für heillose Verwirrung und Panik gesorgt haben. Dies ausnutzend, hätten die Belagerten einen Ausfall gewagt und seien mit großer Wut in die Reihen der Assyrer gestürmt. Das unerwartete Tabularasa hätte, laut Josephus, die Assyrer zur Aufgabe der Belagerung veranlasst.

Nicht nur die von Josephus überlieferte ungeheure Zahl von 180.000 Toten erstaunt, sondern im Gegensatz zu den Schilderungen des Propheten Jeremia bekommt hier der „Engel des Herrn“ einen Namen: Judith. Doch bleibt das nicht die einzige Abweichung im Hinblick auf die Aussagen des Alten Testamentes. Aus dem Assyrer Assurbanipal „macht“ Josephus den babylonischen König Nebukadnezar, was nach offiziellen Chronologien einer Differenz von mehr als hundert Jahren entspricht. Dieser kleine Irrtum führt uns nun möglicherweise zur heiligen und magischen Zahl 622.

Die Jahreszahl -622 ist, nur 25 Jahre vor der Deportation der Juden durch Nebukadnezar, alles andere als unbedeutend. Es kam zu grundlegenden Reformen im Lande, weil exakt im Jahre -633 während der Bauarbeiten unter der Regierung von König Joschija (im 18. Jahr) ein vergessenes oder verlorenes Gesetz - oder Bynde-Buch - wiederentdeckt wurde. Es soll sich dabei um das Deuteronomium oder einen Teil dessen gehandelt haben. Jenes Buch wurde also just -622 feierlich dem gesamten Volk vorgelesen, wodurch sich fundamentale Änderungen, vor allem im religiösen Leben des Volkes, ergaben. Von nun an durften rituelle Opfer und Opfergaben nur noch im Tempel von Jerusalem dargebracht werden. Alle Götzen, Zeichendeuter, Hausgötter und sonstige Magier waren nun aus Judäa verbannt.

Doch mit der „Beförderung“ des assyrischen Feldherrn Holofernes zum General des babylonischen Königs Nebukadnezar nehmen die Irrungen und Wirrungen der Josephus-Schrift noch kein Ende. Als heldenhaften Verteidiger Jerusalems nennt der später vom römischen Kaiserhaus der Flavianer adoptierte Josephus eben den Judas Makkabäus. Dieser, in offiziellen Chronologien als Befreier Judäas von fremder Herrschaft genannte, Held „gehört“ ins 2. vorchristliche Jahrhundert, also nahezu 500 Jahre nach Nebukadnezar. Zumindest einige Jahrzehnte lang, bis zum Jahre -68, soll diese erkämpfte Unabhängigkeit Bestand gehabt haben. Das müsste natürlich Verdacht erregen, vor allem, wenn man die für das Jahr -622 verkündete Reformation als göttlich inspiriertes Werk ansieht.

Begeben wir uns nun 622 weiter in die Zukunft, gelangen wir zum Jahre Null, dem Beginn unserer Zeitrechnung. In jenem Jahr kamen das Heil und die Erlösung, der „Heiland“ wurde geboren. Nimmt man geläufige Geschichtsbücher zur Hand, wird klar, dass auch zukünftig alle 622 Jahre wieder besondere Ereignisse eintraten. Im Jahre 622 eroberte der Prophet Muhammad die heilige Stadt Mekka. Weitere 622 Jahre später, im Jahre Anno Domini 1244, gelang erneut ein Sieg des „einzig wahren Glaubens“. Im Schein von unzähligen lodernden Scheiterhaufen wurde die letzte Zuflucht der „Ketzer“, die gewaltige Pyrenäenburg Mont Segur, zerstört. Weitere 622 Jahre später schlug die „Siegestour“ ihre bislang letzte Beute. Im Jahre 1866 nämlich fand der preußisch-dänische Krieg statt, dessen zahlreichste Opfer im Norden Europas hauptsächlich Frauen und Kinder waren.

Abschließend, und keinesfalls allzu spekulativ, könnte man hier vielleicht von einer Art kabbalistischem Zeittafelcode sprechen. Die Hauptthese von Illig besagt ja, dass die nach der Einführung des gregorianischen Kalenders (5) notwendige Korrektur hinsichtlich des bis dahin gültigen julianischen Kalenders absichtlich nicht erfolgte. Träfe dies zu, ergäbe sich im Vergleich zu angewandten Zeittafeln und den tatsächlichen Chronologien eine Differenz von immerhin 300 Jahren vom Beginn der Zeitrechnung bis heute. Damit könne man eben solche „Merkwürdigkeiten“, wo sich Geschichte scheinbar wiederholt, erklären. Studiert man aufmerksam - um zum Titel unserer Diskussion, der heiligen Zahl 622 zurückzukehren - die beschriebenen Verhältnisse vor, während und nach der Zerstörung des salomonischen Tempels, könnte man Illigs Thesen hier bestätigen.

Das Gebot des Jahres -622, alle Tempel und Heiligtümer zu schließen, um fürderhin ausschließlich in Jerusalem Opfer darzubringen, musste zwangsläufig zum Ruin der jeweils lokalen Priesterschaft führen. Wenn man diese Opfer mit dem heutigen Begriff „Steuern“ gleichsetzt, kann man sich die, vor allem im Buch des Jeremia geschilderten, bürgerkriegsähnlichen Unruhen sehr gut vorstellen. Die Protestbewegung einer durch „Zentralgewalt“ enteigneten Provinzhierarchie begegnet uns, den „offiziellen“ Zeittafeln zufolge, etwa 900 Jahre zuvor im alten Ägypten. Hier wurde eine solche staatsgefährdende Revolte vom Pharao Echnaton ausgelöst. Auch er gründete eine neue Hauptstadt in Oberägypten und verbot die Verehrung aller sonstigen Götter in seinem Reich. Echnaton, erster der vier Könige der Amarna-Dynastie, gilt als der erste Monotheist. Doch auch er war nicht wirklich der erste Herrscher, der durch das Verbot von Lokalheiligtümern, bei gleichzeitiger Hinwendung zum „gemeinen“ Volk, eine Staatskrise auslöste. Schon lange vor ihm, zu Beginn der allgemein bekannten Pharaonendynastien, soll sich, gemäß der Überlieferungen (6), ein solches Szenarium ereignet haben. Der Pharao Mykerinos, der die kleinste der Gizeh-Pyramiden erbaut haben soll, löste mit ähnlichen Befehlen wie Echnaton und Joschija (7) eine Staatskrise aus.

Die hier nur einzeln aufgeführten Beispiele ließen sich auch mit anderen Epochen und historischen Ereignissen fortsetzen. Auch können Illigs Thesen sowie die anderer Außenseiterforscher (8) nicht das Ende des Projektes „Geschichtsschreibungskorrektur“ sein, sondern nur dessen Anfang! Der Weg ist das Ziel!

Literatur und Anmerkungen
(1)  Herbert Illig, Hat Karl der Große je gelebt?, Gräfelfing 1991
(2)  Immanuel Velikovsky, Ramses II. und seine Zeit, Ullstein TB 1995
(3)  Flavius Josephus, Jüdische Altertümer/ Der jüdische Krieg/ Kleinere Schriften, deutsch: Fourier Wiesbaden
(4)  Ausführlicher beschrieben in: Lars Fischinger, Götter der Sterne, Weilersbach 1997
(5)  Mit dem gregorianischen Kalender wurde die Differenz, welche sich aus dem julianischen 365-Tage-Kalender im Hinblick auf die tatsächliche Jahreslänge ergibt, mittels eingefügten Schalttagen ausgeglichen.
(6)  Siehe z.B. bei Herodot
(7)  Siehe dazu: Hans Werding in: ZEITENSPRÜNGE 2/96, Mantis-Verlag, Gräfelfing
(8)  z.B. Prof. Gunnar Heinsohn, Info: Mantis-Verlag Herbert Illig, Gräfelfing

Nachträgliche Korrektur:
"Im Jahre 1866 nämlich fand der preußisch-dänische Krieg statt, dessen zahlreichste Opfer im Norden Europas hauptsächlich Frauen und Kinder waren."
Richtig ist für das Jahr 1866: "Preußisch-österreichischer Krieg" wegen Holstein, unter österreichischer Verwaltung nach dem deutsch-dänischen Krieg von 1864!
(Wir danken M. Jardon für den Hinweis)


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