"Y2K-Crash" - das nicht stattgefundene
Horror-Szenarium

(c) 2000 Gernot L. Geise, veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 2/2000

Was haben wir alle gezittert, als sich das vergangene Jahr dem Ende zuneigte. Die Medien hatten schon frühzeitig begonnen, uns darauf einzustimmen, dass "eventuell" mit dem Jahresende die "große Katastrophe" eintreten würde, der "Y2K-Crash" (Y2K = Year 2 Kilo = Jahr 2000), sei es durch einen Meteoriteneinschlag, sei es durch Umweltkatastrophen, die von ungezählten Propheten vorausgesagt wurden, sei es durch den geliebten "Computercrash", der besonders favorisiert wurde.

Der "Computercrash" wurde denn auch in den wärmsten Farben ausgemalt. Vom unerwünschten Start russischer Atomraketen bis hin zu unterbrochenen Stromversorgungen, ausgefallenen Telefonverbindungen und Engpässen in der Lebensmittelversorgung reichte das schwarz gemalte Szenarium, ja sogar die Wasserversorgung wurde in Frage gestellt. Recht kurios fand ich den mahnenden Hinweis, die Waschmaschine könnte aufgrund des Jahreswechsels ihren Dienst quittieren...

Man empfahl uns dringend, einen Lebensmittel-Notvorrat anzulegen, gleich noch ein paar Wasserkanister dazu, und nicht zu vergessen Kerzen, Gaspatronen und -kocher zum Überleben und Heizen.

Obwohl von offiziellen Stellen und von der Industrie recht schnell Entwarnung kam, obwohl es versichert wurde, dass alles einwandfrei funktionieren würde, auch die Atomkraftwerke, erwarteten doch viele Menschen den Jahreswechsel mit gemischten Gefühlen, denn man wusste ja nicht, ob doch irgendetwas dran ist, ob die Versicherungen der offiziellen Stellen nicht nur deshalb ausgegeben wurden, um die Bevölkerung in Sicherheit zu wiegen und eventuell Panikreaktionen zu vermeiden. Warum sollten sich denn auch -zig Weltuntergangspropheten geirrt haben, wenn sie sich schon derart einig waren, dass sie denselben Zeitpunkt für die große Katastrophe voraussagten?

Selbst Nostradamus musste mit seinen "Centurien" herhalten für das Katastrophen-Szenarium.

Und dann war es endlich so weit: der Uhrzeiger rückte unerbittlich auf die Zwölf, und es passierte - nichts. Kein Strom fiel aus, das Wasser floss weiterhin aus der Leitung, das Telefon funktionierte weiter. Waren wir alle getäuscht worden? War der "gutgemeinte" Rat, sich Notvorräte anzulegen, nur ein Vorwand, um den Verkauf ankurbeln zu können? Wir wissen es nicht.

Ausgelöst wurde die Computer-Hysterie, als man feststellte, dass in vielen Bereichen, in denen Computer beispielsweise zu Steuerungsaufgaben eingesetzt sind, noch mit uralten Computerprogrammen gearbeitet wird, die teilweise noch aus den siebziger Jahren, also aus der Anfangszeit der Computertechnologie, stammen. Damals war Speicherplatz knapp bemessen, so dass die Programmierer mit jedem Bit geizen mussten. So wurde aus der Not eine Tugend gemacht, indem man die Jahreszahlen nur zweistellig programmierte. Wer dachte auch damals daran, dass ein Programm dreißig Jahre lang im Einsatz sein könnte, wenn doch alle Jahre wieder ein weiterentwickeltes, "besseres" Programm verfügbar war und sein würde. Die Speicherkapazitäten der Computer vervielfältigten sich inzwischen ungeheuer, doch die zweistellige Datumsangabe wurde auch bei der Programmierung von neueren Programmen wohl übersehen. Nun wird sich mancher fragen, wieso eine zweistellige Datumsangabe einen Systemabsturz verursachen könne.

Im Prinzip nicht. Doch gibt es beispielsweise bei den Banken Termingeschäfte, die datumsgebunden sind, und wenn die interne Rechneruhr von 99 auf 00 springt, kann es passieren, dass der Rechner anstatt das Jahr 2000 das Datum 1900 annimmt. Das könnte für einen Kontobesitzer peinlich werden, wenn er sein Konto überzogen hat und die Bank nun für ein ganzes Jahrhundert die Zinsen einfordert.

Das sei alles nur Theorie, meinen Sie? Sicher, wenn heute noch alle diesbezüglichen Vorgänge, wie es vor fünfzig Jahren war, per Hand vorgenommen würden. Doch etwa bei der Kontenführung geschieht heute alles vollautomatisch per Computer.

Das ist nur eines von vielen Beispielen. Dank der "Panikmache" der Medien haben jedenfalls alle in Frage kommenden Betriebe ihre Computerprogramme überprüft und gegebenenfalls korrigiert. Wie wir wissen, kosteten diese Überprüfungen Abermillionen, weltweit sogar Milliarden.

Der "Normalbürger" merkte nichts von dieser Umstellung. Sein Heimcomputer funktioniert genauso wie vorher, und nur wenige Computerprogramme rechnen aufgrund der Umstellung falsch.

Persönlich bin ich durch den Jahreswechsel schon betroffen, denn mein ältester Videorecorder lässt sich nur bis Ende 1999 vorprogrammieren, dann springt die Jahreszahl wieder auf das Herstellungsdatum 1982 zurück. Anscheinend hat der Hersteller damals wohl nicht damit gerechnet, dass sein Gerät so lange hält...

Natürlich könnte man nun argumentieren, die Jahreszählung sei ohnehin falsch, wir müssten eigentlich das Jahr 1700 oder ähnlich schreiben, dank Heribert Illig, Uwe Topper und anderen Chronologieforschern. Und demgemäß hätten wir noch rund dreihundert Jahre bis zum "wirklichen" Jahrtausendwechsel.

Mag sein. Doch die Propheten und Voraussager lebten fast alle in den letzten paar hundert Jahren, und zu diesem Zeitpunkt wurde schon nach der "falschen" Zeitrechnung gerechnet. Ihre Voraussagen beziehen sich also durchaus auf unsere heutige Zeit. Haben sie sich also alle geirrt? Oder kommt das "dicke Ende" noch auf uns zu? Einen "Computercrash" werden wir jedenfalls nicht mehr erleben.


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