(c) 2000 Gernot L. Geise

Das unbekömmliche Kriegen

(Veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 4/2000) 

Wenn das Verlangen entsteht, etwas erhalten zu wollen, hat es sich umgangssprachlich, insbesondere bei Kindern (denen das gute Vorbild bewusst lebender Erwachsener fehlt), eingebürgert, zu sagen: „Kriege ich ein Eis?“, „Kriege ich dies, kriege ich das?“. Warum sagt man eigentlich nicht: „Bekomme ich dies oder das?“
In der Entwicklungsphase eines Kindes mag es für diese Redewendung die Erklärung geben, dass Kinder, Jugendliche, zu sich selbst finden müssen. Dass sie sich gegen ihre Mitwelt und ihre Eltern behaupten müssen, um ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Jugendliche sind oft aus diesem Grunde konträr gegen die Ansichten der Erwachsenenwelt eingestellt, auch wenn ihnen ihr Verstand sagt, dass sie sich falsch verhalten.
Eine weitere Erklärung mag die angeborene Faulheit des Menschen bieten: „Kriege ich ...“ lässt sich leichter aussprechen, kommt leichter von den Lippen als „Bekomme ich ...“
Doch sind dies keine Erklärungen dafür, wenn Erwachsene „etwas kriegen wollen“. „Etwas kriegen wollen“ ist eine Kampfansage!

Gehen wir der Sache doch mal auf den Grund. Der Vorgang des Kriegen/Bekommens stellt zunächst einmal ein Begehren, ein Verlangen, dar, um etwas zu erhalten. Der Erhalt (Empfang, Erhaltung, Bewahrung [1]) steht gegen „erhalt“ = Herold (2). Den merken wir uns erst mal, auf ihn kommen wir noch zurück.
Und was bedeutet dieses „kriegen“? Das Wort leitet sich, und das ganz offensichtlich, von „Krieg“ ab. Krieg ist Kampf, eine aggressive Handlung. Im Lexikon steht dazu: Krieg (mit Waffen durchgeführte Auseinandersetzung zwischen Staaten [3]); Krieger; kriegen; bekriegen; kriegerisch; kriegführend (4).
Dazu steht im Duden (5)  unter „kriegen“: Veraltet für Krieg führen; bekriegen.
Brockhaus meint dazu: „Krieg“ mittelhochdeutsch kriec „Krieg“; althochdeutsch chrèg; auch „Anstrengung“, „Streben“, „Hartnäckigkeit“ (6).
Lexer (7) schließlich schreibt unter den Stichwörtern „kriege, kriegel“: widerstrebend, störrisch, streitbar, streng und „kriegen“: sich anstrengen, streben, ringen, trachten, mit Worten streiten, zanken, disputieren, behaupten, handgreiflich streiten, kämpfen, aber auch Fehde, Krieg führen, bekämpfen.
Das damit verwandte Wort „kriec“ bedeutet Trotz, Hartnäckigkeit, jemandem den Sieg, Preis überlassen. Damit verwandt ist „krîe, krî“ (Schlachtruf, Feldgeschrei, Parole). Und das wiederum stammt vom altfranzösischen „crie, crier“ ab. Diese Worte sind wieder mit dem englischen „crier“ und „cry“ verwandt. Während „crier“ im Französischen schreien, laut klagen, jammern bedeutet (8), stellt das englische „crier“ einen Schreier, Ausrufer dar; „cry“: Schrei, Geschrei, Ruf, Weinen, Gebell (9). Der Sinn stimmt also überein. Bleibt nun noch anzumerken, dass dies von dem lateinischen „quiritare“ abgeleitet ist (sofern es nicht umgekehrt ist), und da bedeutet „quiritatio, quiritatus“: Hilferuf, Angstgeschrei, das Jammern. „Quirito“: Kreischen, um Hilfe rufen (10).
Auch das passt also. Ist das zu weit ausgeschweift? In der „Svava“, der „Didriks-Chronik“, heißt es noch (beispielsweise): „... Sie kriegten in Pullia und gewannen dort viel Ruhm.“ (11) 

Kehren wir also zurück zu unserem Begehren. Bege(h)ren enthält das Wort „Ger“, eine germanische Wurf- und Stoßwaffe (12). Dazu meint Lexer: gêr, gêre = Wurfspieß, aber gër, gir: verlangen, begehren. Mit diesem „Ger“ wurde damals viel angestellt. Der Trieb („Ger“, Gemütsbewegung, ehrgeizig, machtsüchtig sein), wurde zur Sucht (!), zum Krieg („gier“), um mit dem Wurfspieß („gêr“) die Grenze („greniz, grenize“; Grenze: G(e)renze) zu begehren („begër“), woraufhin die Gegenpartei Rache („gerach“) verlangte (gir). Nebenbei wird mit „gîr“ auch der Geier bezeichnet.

Und jetzt können wir auch den großen Bogen spannen zwischen dem oben genannten Herold (dem Ausrufer, dem Boten, Verkünder  [13]) und dem Krieg - cry.

Dem negativen Wort „kriegen“ gegenüber steht das positive Wort „bekommen“. Abgeleitet ist es von „kommen“ und dem lateinischen Wort „commeo“ (zusammenkommen, -strömen, aus- und eingehen, hin und her gehen, wandern, fahren, reisen [14]).

Bekommen; bekömmlich (gesundheitsförderlich, wohltuend, gesund, zuträglich [15]); Bekömmlichkeit; kommen; aber auch verkommen mit der Verkommenheit und die Vollkommenheit. Duden (16) meint zu „bekommen“: Ich habe es bekommen, es ist mir gut bekommen, bekömmlich.

Und auch Lexer (17) sagt über „bekomen“: kommen, gelangen, ... zukommen, zuteil werden, widerfahren ... erhalten, gewinnen, bekommen“.

Zurück von dem kleinen Ausflug in die Bedeutung dieser Begriffe stellt sich uns nun die Frage: Kriegen wir schönes Wetter? Nein! Es kann nicht erzwungen werden. Bekommen wir es ...?

Wenn wir die zwei Begriffe „kriegen“ und „bekommen“ langsam auf der Zunge zergehen lassen - dann merken wir schon bei der bewussten Aussprache, wie hart und aggressiv „kriegen“ klingt, und wie volltönend und positiv schwingend „bekommen“ ist - eben bekömmlich.

Dass das Kriegen für unseren Körper wirklich unbekömmlich ist, im Gegensatz zum Bekommen, kann auf einfache Weise kinesiologisch (18) nachgewiesen werden. Bei Nennung des Wortes „kriegen“ testet der Testmuskel schwach, bei „bekommen“ testet er stark. Durch die Anwendung der „Kriegsworte“ setzen wir unser Immunsystem unter Stress, weil es sofort in Abwehrstellung geht (Krieg!). Dadurch schwächen wir uns selbst!

Unsere Mitwelt wird, leider, immer aggressiver, wie wir tagtäglich feststellen können, doch muss es sein, dass jeder gegen jeden kriegt? Viel harmonischer ist ein Miteinander als ein Gegeneinander. Und bekömmlicher ist es allemal - siehe Kinesiologie -, sich nicht zu bekriegen!

Anmerkungen

(1)   Duden „Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter“, 18. Auflage, Mannheim 1980

(2)   Matthias Lexers Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, 37. Auflage, Stuttgart 1986

(3)   Knaurs Lexikon A-Z, München 1987

(4)   Mackensen „Deutsche Rechtschreibung“, München 1990

(5)   Duden „Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter“

(6)   Brockhaus Enzyklopädie, 12. Band KIR-LAG, Mannheim 1980

(7)   Matthias Lexers Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch

(8)   Langenscheidts Taschenwörterbuch Französisch, 23. Aufl., Berlin + München 1992

(9)   Langenscheidts Taschenwörterbuch Englisch, 26. Aufl., Berlin + München 1989

(10) Der kleine Stowasser, Lateinisch-deutsches Schulwörterbuch, München 1965

(11) Heinz Ritter-Schaumburg: „Die Didriks-Chronik oder die Svava“, St. Goar 1989.

(12) Brockhaus Enzyklopädie, 8. Band FRU-GOS, Mannheim 1989

(13) Knaurs Lexikon A-Z

(14) Lexikon der Lateinischen Sprache, Eltville 1989

(15) Lexikon der deutschen Synonyme, Eltville 1989

(16) Duden „Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter“

(17) Matthias Lexers Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch

(18) Mit Hilfe der Kinesiologie, auch bekannt als „Muskeltest“, können körpereigene Reaktionen sichtbar gemacht werden.

(Erstveröffentlichung in EFODON NEWS Nr. 14/1993)


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