Der Dom zu Würzburg und das Neumünster
© Gernot L. Geise; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 6/2001
Am Nachmittag des 25. Juni, nach der Begehung des "Marsberges" bei Würzburg-Randersacker, fuhren wir zurück nach Würzburg, um den Dom zu begutachten.
Der Dom ist mit seinen rund hundert Metern Länge, schlicht gesagt, gigantisch. Das Innere zeigt eine beeindruckende, reiche Ausschmückung, die nach Uwe Topper überwiegend dem Renaissance-Stil entspricht. Einige moderne Stilelemente passen sich einigermaßen harmonisch in das Gesamtbild ein.
Der Kirchenführer sagt über den Dom aus, dass die schriftlichen Quellen spärlich, von unterschiedlicher Qualität und oft genug widersprüchlich sind, so dass manche Frage zur frühen Geschichte und Baugeschichte der Würzburger Kathedralkirche rätselhaft bleiben muss. Man hat sich auf eine Gründungszeit um 741 geeinigt, doch Uwe Topper ist davon überzeugt, dass der Bau frühestens ins späte Mittelalter zu datieren sei.
Die Geschichten um die Gründung des Domes und die daran beteiligten Päpste, Bischöfe und "Heiligen" sind tatsächlich derart konfus und teilweise widersprüchlich, dass man mit gutem Gewissen sagen kann: es sind alles nur Märchen. Man sagt heute, dass der hl. Bonifatius "in engem Zusammenwirken mit dem Papsttum und mit der fränkischen Staatsgewalt" das Bistum Würzburg gegründet habe. Der erste Bischof dieses Bistums, Burghard, habe eine "kleine" Kirche zu seiner ersten, vorläufigen Kathedrale gewählt. Wo genau diese Kirche gestanden haben soll, darüber herrscht widersprüchliche Uneinigkeit. Jedenfalls soll Burghard die Gebeine der Frankenapostel Kolonat und Totnan, die an der Stelle des heutigen Neumünsters ermordet und verscharrt worden sein sollen, in diese Kirche geschafft haben. Merkwürdiger-weise geschah das rund zweihundert Jahre nach ihrer Ermordung.
Nachdem Burghard eine "Wundererscheinung" hatte, schaffte er die Gebeine der beiden Apostel wieder zurück und errichtete an jener Stelle das heutige Neumünster. Demgemäß müsste das Neumünster die ältere der beiden Kathedralen sein, was jedoch von einigen Forschern bestritten wird. Der Würzburger Dom soll dann unter Bischof Berowelf am 8. 7. 787 bzw. 788 geweiht worden sein, "möglicherweise in Gegenwart Karls des Großen". Es ist phantastisch, dass man sogar das Tagesdatum weiß, wenn man sich auch bei der Jahreszahl nicht so ganz sicher ist. Welcher Mittelalter-Fälscher hat sich das wohl ausgedacht? Und Universal-Karl darf natürlich nicht fehlen.
Legt man die Zeitrevision Illigs zugrunde, mit eingefügten 297 Jahren, oder gar die Zeitfälschungsthese von Thomas Riemer (mindestens tausend eingefügte Phantomjahre) und betrachtet die Bauformen der beiden Kathedralen mit Uwe Toppers Augen ("Renaissance"), so muss man dem Dom-Küster zustimmen, der uns im Gespräch sagte, dass alles nur nicht ernst zu nehmende Legenden sind.
Im Inneren des Domes finden sich zwar eine ganze Reihe von Grabplatten aus allen möglichen Jahrhunderten, sauber in die Wände und Säulen eingelassen, doch das einzige, was wir fanden, waren hier und dort nachträglich eingesetzte "Datums-Korrekturen". Die (gerade auf den älteren Platten) recht unübliche Schreibweise der lateinischen Ziffern deuteten wir als Beleg dafür, dass zu diesem Zeitpunkt (etwa 1400 1500) die lateinische Schrift noch nicht ausgereift war, weil sie erst im Mittelalter erfunden worden ist.
Dieses Thema müsste noch eingehender untersucht werden, ebenso wie die megalithische Nekropole auf dem "Marsberg" bei Würzburg-Ran-ders-acker.
Die in unmittelbarer Nähe liegende ehemalige Kollegiatstiftskirche Neumünster ist bei weitem nicht so prachtvoll ausgestattet wie der Dom. Auch die Ausmaße sind einige Dimensionen kleiner. Dennoch steht das Neumünster in engem Zusammenhang zum Dom.
Umrankt wird die Geschichte beider Bauten von der Sage um den hl. Kilian, der - wie gesagt - an der Stelle, wo heute das Neumünster steht, ermordet und verscharrt worden sein soll. Etwa zweihundert Jahre später habe man seine Überreste dort ausgegraben und dann eine erste Kirche auf jenem Platz errichtet. Im Zuge des Reliquien-Wahns zerstückelte und verteilte man seine Überreste. Die Zuständigkeitsgrenze zwischen Neumünster und Dom verläuft genau durch die Mitte des Platzes zwischen beiden Gotteshäusern (heute aller-dings eine riesige Baustelle). Und zwischen beiden Kirchen scheint es im Laufe der Jahrhunderte eine recht große Rivalität gegeben zu haben, glaubt man dem Dom-Küster. So musste auch Kilian bzw. seine Gebeine unter diesem Rivalitätswahn leiden.
Heute befindet sich sein Schädel in einem Reliquienkasten im Dom, während seine restlichen Gebeine zusammen mit anderen Knochen in einem Sarkophag im "Kiliansschrein" in der Gruft des Neumünsters liegen. Nach Aussage des Dom-Küsters sind die Knochenreste im Neumünster heute nicht mehr zuzuordnen.
In der Krypta des Neumünsters steht unter anderem ein Sarkophag mit einem kunstvoll verzierten Deckel, auf dem liegend ein Bischof dargestellt ist. Die Darstellung wirkt in ihrer Aus-führung,als ob sie einige hundert Jahre alt ist - Uwe Topper tippte prompt auf Renaissance-Zeit -, wenn nicht die seitliche Erklärungstafel aussagen würde, dass das Bildnis aus den Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts stammt ... Ein typisches Beispiel dafür, wie zu allen Zeiten, wenn vielleicht auch nicht immer zum Zweck der Fälschung, "Altes" geschaffen wurde.
Beispiel einer Grabplatte im Würzburger Dom, bei der die Datumsangabe nachträglich geändert worden ist (oberste Zeile, Bildmitte).