Globalisierung und Neues Denken
(c) 2000 Thomas Ritter; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 4/2001
Die Magie ist dieser Welt schon lange abhanden gekommen. Nun folgen ihr die moralischen und ethischen Normen nach, die Jahrhunderte lang das Zusammenleben der Menschen prägten. Zu Beginn des Dritten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung triumphieren betriebswirtschaftliche Bilanzen, Aktien und weitestgehend ungehemmter Eigennutz.
Umfassendes Wissen, Weisheit und Erkenntnis der dieser Welt innewohnenden Zusammenhänge scheinen nur noch eine Existenzberechtigung zu besitzen, wenn sie sich auch entsprechend rechnen, mit anderen Worten, möglichst kurzfristig Profit abwerfen. Shareholder value und Flexibilität sind die Zauberworte dieses neuen globalen Denkens, welches Geld und materiellen Besitz als einzigen Maßstab des Erfolges anerkennt, an dem der Einzelne gemessen wird. Produziert und verkauft wird das, was größtmöglichen Gewinn in kürzester Zeit verspricht.
Ideale, hohe Ziele und selbstlose Träume von einer wahrhaft gemeinsamen Zukunft aller Menschen sind als Sekundärtugenden mega-out und allenfalls Sache belächelter Außenseiter.
Wir definieren uns nicht mehr über das Sein, sondern ausschließlich über das Haben. Die selbstverständliche Folge einer solchen Haltung ist, dass wir immer mehr haben wollen, um etwas zu Sein. Ständig neue Bedürfnisse zu wecken, um sie ebenso rasch zu befriedigen und durch wiederum neue, von außen suggerierte Wünsche abzulösen, dies gilt als der Motor des Fortschritts, der angeblich unsere Gesellschaft unaufhörlich und mit immer höherem Tempo vorwärts treibt. Schon längst haben die meisten aufgehört zu fragen, wohin dieser Weg des Fortschritts denn überhaupt führen soll. In der Bewegung allein, im ständig neu angeheizten Konsum im internet-verkabelten Globalen Dorf oder der Scheinbefriedigung einer Karriere in der Arbeitswelt erschöpfen sich heutige Zukunftsvisionen.
Niemals aber werden wir genug von dem bekommen, was wir nicht wirklich brauchen, denn Gier kann nicht durch Geld gestillt werden, so wenig wie der Durst durch Salzwasser.
Allenthalben mehren sich deshalb die Zeichen, dass dieser Trend wohl einen katastrophalen Irrläufer der menschlichen Entwicklungsgeschichte darstellt. Nicht nur die zunehmende Verflachung im geistigen Leben mag Anlass zur Sorge bieten - viel auffälliger, da für jedermann auf einfache Weise erfahrbar, sind die Zerstörung der Natur und die fortschreitende Plünderung der Ressourcen des Planeten für die Aufrechterhaltung des Wohlstandes eines immer kleiner werdenden Bruchteils der Weltbevölkerung. Die Missachtung der natürlichen Umwelt als Urgrund auch unseres Seins setzt sich in den sozialen Beziehungen der Individuen unserer postindustriellen Gesellschaft fort. Wer rücksichtslosen Ellenbogeneinsatz als Leistungsbereitschaft prämiert, Konkurrenz und Verdrängung der Konkurrenten zum alles beherrschenden Prinzip in sämtlichen Lebensbereichen erhebt und dies mit dem Begriff von der Freiheit des Individuums garniert, muss sich nicht wundern, wenn eskalierende Gewalt, soziale Kälte und zunehmende Entsolidarisierung an der Tagesordnung sind und die Apokalypse einer totalen Entropie der westlichen Gesellschaft gespenstische Aktualität gewinnt.
Wie absurd und gefährlich die Ideologie des ständigen Wachstums ist, zeigt sich schon darin, dass allein die Stagnation dieses Wachstums schon genügt, um panische Reaktionen in Wirtschaft und Politik zu verursachen. Hier drängt sich der Vergleich zu einer krankhaft wuchernden Krebszelle nahezu von allein auf. Auch die Krebszelle muss ja ständig wachsen, um zu überleben. Dass sie dabei ihren Wirt zerstört und somit schließlich sich selbst tötet, weiß die Krebszelle nicht. Ein Schelm, wer jetzt glaubt, die Ursache dafür gefunden zu haben, warum Krebs zu den sogenannten Zivilisationskrankheiten gehört.
Doch gleich einer solchen Krebsgeschwulst überwuchert die westliche Gesellschaft den Planeten, getrieben von einer an Wahnsinn grenzenden Selbstüberschätzung, sich von der Natur unabhängig zu machen und einen Lebensraum außerhalb der Natur zu schaffen. Dabei werden Wasser, Rohstoffe und Energieträger rücksichtslos geplündert. Was bleibt für jene, die nicht am Wirtschaftsboom des Westens partizipieren? Was hinterlassen wir denjenigen, die nach uns kommen? Das solche Fragen gestellt werden müssen, zeigt bereits, in welch erschreckendem Maße den Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik Verantwortung und strategischer Weitblick abhanden gekommen sind.
Freiheit ist eines der Schlagwörter unserer westlichen Demokratie. Doch Freiheit lässt sich nicht nur allein an freien Wahlen festmachen. Es kann keine Freiheit ohne ökonomische Freiheit geben. Einen Verhungernden in Afrika frei zu nennen, heißt, ihn zu verhöhnen.
Obwohl uns im Westen materielle Dinge im Überfluss umgeben und wir in der Vielzahl täglicher Informationen schier zu ersticken drohen, und uns daher in der trügerischen Sicherheit wiegen, alles zu wissen, erscheint die Zukunft in düsteren Farben und Endzeitpropheten haben Hochkonjunktur. Instinktiv spüren viele Menschen, wie instabil und verwundbar unsere scheinbar so festgefügte Gesellschaft in Wahrheit ist. Kein Wunder, da wir uns so weit von unseren Wurzeln entfernt haben.
Doch das Beklagen übler Zustände allein hat diese noch nie gebessert. Nur durch die Tat kann eine wirkliche Veränderung erfolgen. Es nützt nichts, wechselseitig den Gewerkschaften, den Arbeitgebern, der Regierung oder gar irgendwelchen obskuren Geheimbünden die Schuld an der Misere zuzuschieben.
Großes geht verloren, wenn man sich um Kleinigkeiten zankt, wusste schon Buddha.
Jeder Einzelne entscheidet über die Ausrichtung seines Lebens, und vermag im persönlichen oder beruflichen Umfeld zu wirken. Ein erster Schritt in diese Richtung ist es, sich darauf zu besinnen, dass jedes Leben einen Sinn hat, der weit über die Sicherung der bloßen Existenz und den materiellen Konsum hinaus geht. Meditation und geistige Studien können weitere Schritte sein, die letztlich zu einer spirituellen Ausrichtung des Lebens führen. Jeder, der sich auf seine ganz persönliche Weise auf den Weg gemacht hat, weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es zuweilen ist, die geistigen Grundsätze auch wirklich zu leben. Doch lebendige Spiritualität bedeutet doch letztlich nichts anders, als sich zurückzubesinnen auf seinen eigenen, göttlichen Ursprung, und eine Verbindung zu dieser Quelle zu finden.
Wer Gott zum Ziele hat, darf in der Welt leben, aber die Welt nicht in ihm, legte Ramakrishna seinen Schülern ans Herz.
Nur durch eine konsequente Umsetzung spiritueller Lehren im alltäglichen Leben kann es also gelingen, die Reduzierungen und Schablonen des Materialismus zu überwinden. Nur wenn die Wandlung im Innern erfolgreich vollendet ist, wird sich auch eine Wandlung im Äußeren vollziehen.
Das menschliche Leben verläuft ebenso wenig geradlinig wie die Entwicklung eines Volkes oder einer Gesellschaft. Ein zyklisches Weltbild wird der menschlichen Existenz gerechter als lineares Denken. Ein unbeschränktes wirtschaftliches Wachstum wird es also ebenso wenig auf dieser Welt geben wie permanentes Glück.
Nicht ewig freut man sich der Ruhe und des Friedens, und doch ist Unglück und Zerstörung nicht das Ende. Wenn das Gras vom Feuer verbrannt ist, so sprosst es im Sommer neu.
Dies war für die Landsleute Dschingis-Khans schon vor mehr als tausend Jahren selbstverständlich.