Die "Bearbeitung der Zeit" beim Kap Arkona

(c) Volker Ritters; veröffentlicht in EFODON NEWS Nr. 16/1993

Auf Rügen sah ich am Putgartener Steilufer, von Vitt kommend, etwa 62 Meter vor dem ersten Knick im Steilufer (Kap Arkona), einen großen Findling (etwa zwei Meter hoch, sechs Meter lang, 2,5 Meter breit), der halb auf dem Strand und halb im Wasser lag. Er hatte auf einer zum Strand weisenden, pultförmig abgeflachten Fläche von etwa 58 mal 46 cm eine Ritzzeichnung mit etwa sechs Millimeter Profiltiefe. (Die Linien machte ich für das Foto deutlich durch das Ausfüllen der Ritzen mit dunkler Erde. Abb. 1).

 Der Findling am Strand von Arkona mit der Ritzzeichnung.

Abb. 1: Der Findling am Strand von Arkona mit der Ritzzeichnung.

Die Zeichnung besitzt drei Figuren nebeneinander und eine vierte darunter. In der oberen Reihe liegen von links nach rechts ein kleiner Kreis mit Mittelpunkt, dann in der Mitte eine große Figur aus vier ineinander gelegten Kreisen mit Mittelpunkt, dann rechts wieder ein kleiner Kreis mit fast waagerechtem Mittelstrich. Der kleinste Kreis jener Mittelfigur liegt auf der (gedachten) Verbindungsachse beider Außenkreismitten auf und lässt so eine Einteilung der vier Kreise in "3+1" annehmen.

Die untere Figur (3+1 Figuren) ist eine Wellenbewegung mit fünf Wellenbergen.

Eine Deutung nach meinem bisherigen Symbolverständnis sagt:

- Ein Kreis mit Mittelpunkt ist wie ein Sonnensymbol, ein Zeichen für ein sich im Inneren des Menschen selbsttätig regendes Bewusstsein [1], ein Zeichen für ein erwachendes Bewusstsein.
- Ein Kreis mit Mittelstrich verweist auf die "geschiedene Einheit", also auf die Zweiheit, der noch die ursprüngliche Versammlung anzusehen ist. Das kann ein Zeichen für den Mond mit seinen Phasen des Ab- und Zunehmens sein.
- Die Vierzahl der vier Kreise deutet auf die Weltzahl Vier (4 Elemente, Temperamente, Himmelsrichtungen, Jahreszeiten, Lebensalter). Der Punkt darin sagt "ich in der Welt".


Die Steinritzzeichnung auf dem Findling.

Abb. 2: Die Steinritzzeichnung auf dem Findling.

In barocken Emblemata-Büchern (Sinnbild-Sinnspruch) gibt es diese Figur mit Sonne und Mond auf beiden Seiten, und in der Mitte ist die Weltkugel mit dem Menschen darin, verbunden mit dem Spruch: "Erkenne dich selbst..." [2]

- Die Fünfzahl der Wellenberge mag das Leben (5) als etwas Fließendes (Wellen) bedeuten.

Insgesamt steht der Mensch in der Welt zwischen innerer Selbsttätigkeit und in der Konstanz (links) und außengelenktem Wechsel (rechts) auf dem Grund des unergründlichen Lebensflusses.

Die Zahlen "3+1" können bedeuten:

- Die drei differenzierten Bewusstseinsfunktionen (Extra-, Introversion und die Bewusstseinseinstellungen), - und die vierte oder inferiore (unzugängliche, unbewusste) Funktion [3].
- Die vier Sektoren des Zeitkreises: die drei hellen im Süden ("Leben", entsprechend Extraversion), Norden ("Tod", entsprechend Introversion), Osten ("Ewigkeitswert", entsprechend Bewusstseinseinstellungen), - und der dunkle im Westen ("erste, nur natürliche Geburt", entsprechend inferiore Funktion) [4].

Der "Zeitkreis" ist ein Kreis mit einer X-Form darin, die die vier Sektoren (im Westen, Süden, Norden, Osten) bildet. Der Weg der Wandlung führt von West nach Süd nach Nord nach Ost. Die Grenze zwischen N. und O. ist die Zeitachse, denn im N. ist der Tod (das Ende des Körperlichen und Zeitlichen), und im O. ist der "Ewige Osten" (das Jenseitige, Immaterielle, Zeitlose, Ewige). Der Übergang erfolgt durch Aktivierung dieser Achse durch deren Einteilung (Harmoniebildung) durch einen Zeitachsenteiler. Die Harmonie verrät eine besondere Bedeutung.

Der Aufbau dieses Bildes ist ähnlich mit dem des Externsteinreliefs bzw. mit dem einer Arbeitstafel (in I und II des Freimaurer-Ordens, FO): Drei Stränge weisen nach oben, der mittlere von ihnen ist der Weg des Menschen, darunter der tragende Grund [5].

Thomas Riemer gab mir die energetische Deutung: Links ist negativ, rechts ist positiv, in der Mitte ist es neutral, da ist der Übergang. Danach wäre denkbar, dass in diesem Bild von links nach rechts ein Weg von innenwirkender Esoterik nach außenwirkender Exoterik beschrieben wird. "Der Mensch zwischen Sonne und Mond, zwischen Konstanz und Wechsel, zwischen Innen und Außen auf dem vereinenden Grund seines dahinfließenden Lebens, bzw. seines Unbewussten," - diesem Inhalt wollte ich am Tage der Sommersonnenwende, am 21.06.1993, näher nachgehen:

Der Findling am Strand vor Kap Arkona mit Sonnenaufgang

Abb. 3: Der Findling am Strand vor Kap Arkona mit Sonnenaufgang.

Morgens etwa um 3:35 Uhr (Sonnenzeit) war ich noch etwa fünfzig Meter vom Stein entfernt, da tauchte die Sonne bereits über diesem Stein in der Ecke zwischen Steilküste und dem Horizont der Ostsee auf. "Sie stand im Winkel" (Abb. 3): Ein Freimaurer "steht im Winkel", wenn er sich die Waagerechte (seine irdische Beschaffenheit) und die Senkrechte (sein himmlisches Streben) vergegenwärtigt. Es ist also vorstellbar, dass sich an diesem Ort und zu dieser Zeit Sonne und Mensch, beide im Winkel stehend, gegenüberstehen. Da die Sonne ihre Bahn zieht, verändert sie ihren Ort und zeigt verschiedene Winkel an, so ist sie dem Zirkel, bzw. dem Zirkelgelenk vergleichbar. Zwischen Winkel und Zirkel soll der Weg des Freimaurers liegen, sein Weg zum Licht. Nähere Untersuchungen folgten also (Abb. 4):

Die Lage: Findling, Steilküste, Ufer, Himmelsrichtungen heute

Abb. 4: Die Lage: Findling, Steilküste, Ufer, Himmelsrichtungen heute.

Auf dem Stein war ein Strich eingeritzt, der ihn in eine nördliche, dem Stand zugewandte und in eine südliche, der See zugewandte Hälfte einteilte. Von der nördlichen Seite des Steines war die Sonne zum Zeitpunkt ihres Aufgehens nicht zu sehen, von seiner südlichen Seite aber sehr wohl. Durch das Überschreiten dieser Grenzlinie zum Zeitpunkt des Sonnenaufgangs werde ich also der Sonne ansichtig. Auf dem Stein sind also zwei Hälften oder Orte, die gegensätzlich sind. Sie ermöglichen das "Sonne nicht sehen" und das "Sonne sehen". Ein Zuordnungsversuch von

1. zuerst zu betretender, nördlicher Steinhälfte (Sonne nicht sehen) und linker Bildhälfte (Sonne, negativ), und von
2. später zu betretender, südlicher Steinhälfte (Sonne sehen) und rechter Bildhälfte (Mond, positiv), sagt:

1. innerlich "Sonne haben" (Konstanz der Introversion) gehört zu "Sonne nicht sehen" und
2. äußerlich "Mond sein" (Wechselvolles in der Extraversion) gehört zu "Sonne sehen".

Psychologisch gesehen ist mit einer Ausdifferenzierung (hier: Sonne haben und nicht haben) eines Bereiches (hier: Introversion) erst die Möglichkeit zu seiner Bewusstwerdung gegeben: Der Weg von der inneren Sonne (hier: negativ) über das Wechselvolle der Außenwahrnehmung (hier: positiv) führt zum Gegensatz zur inneren Sonne und somit zur Ausdifferenzierung dieses Inneren und somit zu seinem bewussten Erleben (erst "negativ", dann "positiv", dann beides im mittleren Strang). C. G. Jung sagt: "Gegensatz bedeutet energetisch ein Potential, und wo sich ein Potential findet, da ist die Möglichkeit eines Ablaufes und eines Geschehens, denn die Spannung der Gegensätze strebt nach Ausgleich." [6]

Die Lage: Findling, Steilküste, Ufer, Himmelsrichtungen vor etwa 100 Jahren

Abb. 5: Die Lage: Findling, Steilküste, Ufer, Himmelsrichtungen vor etwa 100 Jahren.

Der Weg zur Bewusstwerdung ist der Weg zum Licht.
Der Mittelstrich auf dem Findling verläuft in 60° (nordöstlich). Als die Sonne, die bei 45° (nordöstlich) aufging, die 60°-Markierung überschritt, fing sie an, die schwache Ritzzeichnung des Bildes seitlich zu bescheinen und durch Schattenbildung kenntlich zu machen.

Der Mensch überschreitet eine Grenze, um die Sonne zu sehen (da war das Bild mit seinen Inhalten noch nicht zu sehen). Die Sonne überschreitet eine Grenze (60 = Sonnengott Anu) und macht dadurch das Bild mit seinen Deutungsaufgaben sichtbar. Am Anfang standen sich Sonne und Mensch im Winkel gegenüber, nun überschreiten auch beide eine Grenze. Danach gibt es den Gedanken: Erst erleben, dann denken, oder: Die Anwesenheit des ganzen Menschen (3+1) am Ort der Bedeutung wird ihm erst nachträglich durch Denken bewusst.

(Auch im FO geht der Suchende im 1. Grad zweimal mit verbundenen Augen über die Arbeitstafel, die die gesamte Ordenslehre beinhaltet, ehe er diese sieht, - und sie noch lange nicht versteht.)

Wenn man sich nun vorstellt, dass die Steilküste in 5000 Jahren um 1000 Meter zurückweicht [7], so trifft die bisherige Deutung nur auf die heutige Situation zu. Sollte die Ritzzeichnung aus unseren Tagen stammen, so hätten ihre Urheber zur Sommersonnenwende erscheinen müssen, - nur, es kam niemand. Weiterhin sah die Ritzzeichnung nicht frisch aus, sondern alle Farbtöne (der Höhe und der Tiefe) waren einander angeglichen.

Wenn ich nun sehe, dass der Felsbrocken etwa zwanzig Meter von der Steilküste entfernt liegt (und die Steilküste in hundert Jahren um zwanzig Meter zurückweicht), so fiel dieser Findling so etwa vor hundert Jahren beim Abtragen der Steilküste an seinen heutigen Platz (Abb. 5).

Also frühestens vor hundert Jahren wurde er - bezogen auf eine etwa zwanzig Meter weiter seewärts liegende Steilküste und Uferzone - bearbeitet. Die Grenze, die der Mensch zu überschreiten hatte, um die Sonne "im Winkel" (Kliffkante - Wasserspiegel) zu sehen, lag (bei der Parallelität der Sonnenstrahlen) also etwa zwanzig Meter weiter seewärts (südöstlich). Die Vorstellung einer etwa zwanzig Meter langen Holzbrücke sei erlaubt, um den eingangs aufgestellten Sinn wieder herzustellen: Dieses bringt noch den Vorteil, dass nicht nur die Achse der Strahlen der aufgehenden Sonne (in nordöstliche Richtung), sondern nun auch die Achse des Weges des Suchenden (in südöstliche Richtung) deutlich ist. (Auch müsste er zwanzig Meter/Schritte gehen; 20, die Zahl der menschlichen Beschränkung, seine Zählgrenze.) Es ist ja die letzte Strecke seines langen Weges von West nach Süd nach Nord nach Ost (Abb. 6).

Abb. 6: Der Zeitkreis mit den Wegen der Wandlung.

Nach dieser Figur liegt der Stein mit Steg und Grenzstrich an der Stelle, da der letzte Weg von Nord nach Ost die Zeitachse (den ersten Sonnenstrahl) überquert. Findling, Brücke und speziell der alte Grenzstrich sind der Zeitachsenteiler auf der Zeitachse des Sonnenstrahles. Die Grenze zum Ewigen Osten, der Sonnenstrahl, ist schon vom Ewigen (Sonne). Mit dem exoterischen "Sonne sehen" wird zugleich der esoterisch höchstrangige Ort des "Ewigen Ostens" erreicht: ein Zusammenfall von Außen und Innen jenseits der Grenzen der Zeit (und der irdischen Gegensätze, s.o. Spannung).

Wer mag vor hundert Jahren eine Neigung gehabt haben, einen Kultplatz nicht in einem Tempel (wie die Freimaurer), sondern unter freiem Himmel (?) nahe der Gewalten der Natur (Strand, Wasser, Stein, Sonne) einzurichten? Meine erste Vermutung fällt auf den Druidenorden, der 1781 in London gegründet wurde, der an das keltische Druidentum (Priestertum) Englands und Irlands anknüpfte, und der im Ritual und in der Ideologie Ähnlichkeiten mit der Freimaurerei aufweist [8]. Der Druidenorden wurde 1872, also vor gut hundert Jahren in Deutschland eingeführt [9].

Die aufgehende Sonne am 21.06.93 über dem Findling

Abb. 7: Die aufgehende Sonne am 21.06.93 über dem Findling.

Weiträumige geographische Beziehungen verbinden Rügen mit Irland: Das Kap Arkona liegt auf einer Linie mit Celle (Altencelle: Welfen; Wienhausen: Zisterzienser), Horn (Externsteinrelief: Templer) und Troyes (Crétien de Troyes: Perceval). Die Strecke "Rügen-Celle" ist in der Strecke "Celle-Troyes" genau zweimal enthalten. Diese Proportionierung dieser (realen) Nord-Ost-Achse im Verhältnis von 1:2 verweist auf den Zeitkreis: Der Kreis um Troyes mit dem Radius "Troyes-Rügen" markiert spiegelbildlich zur geographischen N-O-Richtung (nach Rügen) die geographische N-W-Richtung nach Nordirland (genau: zur südöstlich und nahe bei Belfast liegenden Halbinsel). Liegt hier eine deutliche Beziehung in jener Ortswahl von Rügen zu den Druiden (Irland) vor, - oder zeigt diese Geographie das Spiel der Erdkräfte?


Die aufgehende Sonne am 21.06.93 vom Findling aus gesehen
Abb. 8: Die aufgehende Sonne am 21.06.93 vom Findling aus gesehen.

Anmerkungen
(1) Hedwig von Beit: "Symbolik des Märchens", 1. Band, Bern 1952. 2. Band, Bern 1956, S. 520.
(2) siehe EFODON NEWS 9/1992, S. 6, 7.
(3) C. G. Jung: "Bewußtes und Unbewußtes", Frankfurt/Main 1960, 3. Aufl., S. 125, 126.
(4) EFODON DOKUMENTATION DO-5, S. 38-40; DO-6, S. 48-50.
(5) siehe EFODON NEWS 8/1992, S. 6, 7 und EFODON-DOKUMENTATION DO-5, S.12, 13, DO-6, S. 23.
(6) C. G. Jung, a.a.O. S. 122.
(7) Rolf Reinicke: "Rügen - Strand & Steine", Schwerin 1991, S. 18.
(8) E. Lennhoff & O. Posner: "Internationales Freimaurer Lexikon", S. 386.
(9) Lennhof, Posner a.a.O., S. 387.

Fotos und Zeichnungen: (c) Volker Ritters.


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