© Volker Ritters

Ausstellung über Renaissance in Kivik/Schweden

(Veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 34/1999)

Europa wächst zusammen. Für diese plastische Aussage gibt es ein plastisches Beispiel. Mit dem Bau der Öresund-Brücke zwischen Kopenhagen (DK) und Malmö (S) entsteht, aufgrund der neuen verkehrstechnischen Nähe, die Region Kopenhagen-Südschweden, die dort „Skåne“ heißt. Die Kultur soll (auch) hier als ein gemeinschaftsbildendes Mittel wirken. Und so hat man sich für diesen Sommer in dieser Region auf das gemeinsame Thema „Renässans för Skåne“ geeinigt, das in den Kulturinstitutionen dort in diesem „Kultursommer“ auf mannigfache Art dargeboten wird. Katalog und Kalender geben darüber umfassend Auskunft.


Abb. 1: „Madonna mit der Meerkatze“. Kupferstich von Albrecht Dürer, 1498 (Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg)


Eine Aktion ist eine Ausstellung im Mellby-Atelier in Kivik (Südschweden) mit dem Thema „Albrecht Dürer, Förklaringar till den dolda geometrin“ (Albrecht Dürer, Erklärung der Verborgenen Geometrie) von Volker Ritters.

Das Thema „Renaissance“ wird von Dürer mehrfach berührt:

a) Einmal setzte sich mit Dürer die Formsprache der italienischen Renaissance nördlich der Alpen durch (was nicht Außenseiter wie den manieriert gotisch arbeitenden Lucas Cranach d.Ä. ausschließt).   Dürer war 1494/95 und 1505/07 in Venedig, Rom und Bologna. Die gotisch-feingliedrige, gekräuselte Form (eine graphische Form) wich einer großzügiger und voluminöser angelegten Form (einer plastischen Form).

b) Dann stützte sich die Renaissance auf die Schule von Marsilio Ficino (ab 1459 in Florenz) [Winzinger, S. 53]. Dort wurden die antiken Autoren gesammelt und studiert, voran Platon. Platon schrieb vom Unterschied zwischen dem „Hinzutretenden“ (der offensichtlichen Erscheinung) und dem „Zugrundeliegenden“ (dem verborgenen Grund). Er führte sinngemäß aus: Wenn die Seele nur auf die Erscheinung schaut, die entsteht und vergeht, wird sie blind. Schaut sie aber auf das Ewige (das Zugrundeliegende, auf den Grund), so wird sie sehend. [s. Der Staat 508c -509a] - Bei Dürer sehen wir dann 1498 zuerst in seinem Stich „Madonna mit der Meerkatze“ [Abb. 1, s. Strauss, S. 42, 43] eine ausgearbeitete Verborgene Geometrie, die vom Ewigen spricht (wie es Platon rät).

c) Und zugleich verrät dieser Stich die Herkunft der Verborgenen Geometrie aus dem Ritual der Königlichen Kunst der gotischen Dombauhütten. [s. raum&zeit special 8, S. 110] Somit beinhaltet die Kunst der Renaissance (zu sehen bei Dürer, Raffael, Giorgione, Bosch, Cranach d.Ä.) seit etwa 1500 in der Verborgenen Geometrie eine Renaissance der gotischen Dombauhütten-Weisheit, die mit dem Nachlassen gotischer (supranationaler) Kirchenbautätigkeit (der über Grenzen hinweg reisenden Bauhütten) am Verschwinden war.

Und wer hatte schon bis heute gefragt, wie denn die plastischen Formen des wohlproportionierten Fleisches, die an das Entstehen und Vergehen gebunden sind, wie diese Sprache des Vergänglichen (a), Platons Forderung nach dem Ewigen (b) ausdrücken könnte; und an die Geometrie der Gotik (c) dachte bei diesem Gegensatz noch niemand. Heute können wir nun dank der Aufdeckung der zugrundeliegenden Sprache (der Verborgenen Geometrie) mit ihren auf das Ewige gerichteten Botschaften (der Gottessuche) diese (wortsprachenfreie, supranationale) gotische Ebene der Renaissance ansehen, und das eben zu einer Zeit, da nun wieder ein neuer Schub in Richtung auf nationenübergreifendes Verstehen (zumindest hier in der Kultur) erfolgt.


 

Abb. 2 (links): Der Meistergriff des Jesuskindes in der „Madonna mit der Meerkatze“.
Abb. 3 (rechts): Der Lehrlingsgriff der Meerkatze in der „Madonna mit der Meerkatze“.


 

Abb. 4: Meistergriff und Lehrlingsgriff in der „Madonna mit der Meerkatze“.
Abb. 5: Die Punkte der großen Raute zu Dürers „Melencolia I“


Abb. 6: Die Lehrlingsarbeit in der großen Raute zu Dürers „Melencolia I“.


Nicht nur in der Sprache der Geometrie und in dem Inhalt der Gottessuche bestand eine Verständigungsbasis, sondern auch in den Denkmodellen vom Verstehen selbst. Hierzu werden zwei Beispiele aus der Ausstellung gezeigt:

A) Dürer hatte geometrische Figuren für wechselseitige Beziehungen entwickelt. Er hat ungleiche Partner in Spannungsverhältnissen (z.B. zwischen „mehr verstehen“ und „weniger verstehen“, zwischen „Aufgaben stellen“ und „Aufgaben erfüllen“, zwischen dem „Angewiesensein eines Höheren auf Niedrigere“ und dem „Angewiesensein von Niedrigeren auf einen Höheren“) dargestellt. Diese Spannungen bestehen in Steigungsverhältnissen, die abwärts oder aufwärts gerichtet sind.


 

Abb. 7 (links): Die Gesellenarbeit in der großen Raute zu Dürers „Melencolia I“.
Abb. 8 (rechts): Die Meisterarbeit in der großen Raute zu Dürers „Melencolia I“.


Abb. 9: Das didaktische Dreieck.


In der „Madonna mit der Meerkatze“ verweist der Meistergriff [s. r&z special 8, S. 49] des Jesusknaben (der Kreis um sein Handgelenk mit Radius Handgelenk - „Schönheit“) auf den Zeigefingerknöchel der angebundenen Meerkatze, die allgemein für das überwundene Böse in der Welt steht, die im engeren Sinne für den musivischen (d.h. schwarz-weißen oder bösen-guten) Menschen steht [Abb. 2]. Dann verweist der Lehrlingsgriff [s. r&z special 8, S. 48] der Meerkatze (der Kreis um den Zeigefingerknöchel der Meerkatze mit Radius Knöchel - „Weisheit“) auf das Handgelenk des Jesusknaben [Abb. 3]. Danach ist Jesus Christus (der Obermeister) bezogen auf die Menschen/Brüder/Lehrlinge, und diese sind bezogen auf Jesus Christus. In der Übereinanderlagerung beider Figuren [Abb. 4] entsteht eine geschlossene Figur, so etwa in der Form einer Raute. In dieser geschlossenen Figur sind also beide offenen Figuren der einseitigen Beziehungen (Strekken mit Anfang und Ende) zusammengefaßt (anfangs- und endlos in beide Richtungen Kreisendes).

B) Weiterhin sehen wir, daß bei Dürer z.B. in der Verborgenen Geometrie des Stiches „Melencolia I“ [siehe Strauss, S. 106-109] in der Figur der großen Raute [Abb. 5; s. r&z special 8, S. 59] verschiedene Ausgestaltungen der vorhandenen Punkte gemäß der drei Einweihungsstufen möglich sind: die Figur des Lehrlings (der in dem Kreuz auf die Betrachtung des Diesseitigen in der Waagerechten und des Himmelstrebenden in der Senkrechten gerichtet ist) [Abb. 6], die Figur des Gesellen (der mit der Bruderkette zur himmlischen Höhe ausgreift) [Abb. 7] und die Figur des Meisters (der mit den vollkommenen zwölf kubischen Steinen die zwölf Tore zum himmlischen Jerusalem gefunden hat) [Abb. 8].

Die Lehre daraus ist, daß jeder mit seinem Horizont (ob Lehrling, Geselle oder Meister) das in der (selben) Punkteverteilung sieht, was ihm zu sehen möglich ist und somit seines eigenen Horizontes ansichtig werden kann. Die Figur einer bestimmten Punkteverteilung in der großen Raute ist also nicht ein feststehendes Ding, sondern es ist in der jeweiligen Interpretation durch diesen oder jenen Horizont ein immer anderes Ding.

Beide Beispiele (A und B) zeigen uns das „didaktische Dreieck“ [Abb. 9], bestehend aus: „Ich“ (mit meinem jeweiligen Horizont), „Du“ (mit Deinem jeweiligen Horizont) und „Sache“ (mit den Auslegungsmöglichkeiten). Beispiel A zeigte uns darin die Beziehung „Ich - Du“ (mit Beziehung, Spannung, Gefälle), und das Beispiel B zeigte uns darin die Beziehungen „Ich - Sache“ und „Du - Sache“ (mit den jeweiligen Ausdeutungen und Horizonten).

In diesem Modell vom Verstehen sehen wir also die Möglichkeiten, aufgrund verschiedener Horizonte, aufgrund der darin entstehenden Spannungen im Gefälle zum Fließen und Ausgleich zu kommen, wobei die Horizonte selbst erst recht deutlich hervortreten in den jeweiligen Ausdeutungen einer „Sache“ eben durch diesen und jenen.

Vielleicht ist heute, angesichts des im genannten Beispiel offensichtlich vorhandenen Willens, Grenzen zu überwinden, ein Hinweis auf Albrecht Dürers Ansicht vom Verstehen (vom didaktischen Dreieck mit einer horizontabhängigen, kommunikativen Vermittlung) angebracht. Die Verborgene Geometrie mag in der Renaissance in Europa eine Art europäischer Sprache der Kunst dargestellt haben, wie sie nun, da sie wieder zum Vorschein kommt, ebenso (beim Verstehen) wirken kann. Wer es möchte und Gelegenheit dazu findet, mag sich die Ausstellung in Kivik anschauen.


Albrecht Dürer (1471-1528 Nürnberg)
Förklaringar till den dolda geometrin.

Melankolin, Riddare, död och djävul, Hieronymus, Madonna med markatta.

av Volker Ritters.

Måndag 12 juli - fredag 30 juli 1999. Dagligen 13.00-17.00.

Mellby atelier, S-27735 Kivik. Tel. 0046 - 414 - 71117
Fax 0046 - 414 - 71137

(An der Straße von Kivik nach S. Olof steht gleich nach dem Ortsende von Kivik rechts ein Hinweisschild: „Mellby atelier 1 km“)


Literatur

Platon: „Der Staat“ (Reclam, jun.) Stuttgart 1985.

Volker Ritters: „Verborgene Geometrie“ (raum&zeit special 8, EHLERS Verlag, Mühlweg 2 C, D-82054 Sauerlach, 1996).

Walter L. Strauss: „The complete engravings, etchings and drypoints of Albrecht Dürer“ (Dover Publications INC.) New York 1973, 2. Aufl.

Franz Winzinger: „Dürer“ (Rowohlt) Reinbek bei Hamburg 1985.

Bildnachweis

Abb. 1: mit freundlicher Genehmigung des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg.
Abb. 2 bis 9: Zeichnungen von Volker Ritters


 Volker Ritters

Rembrandts „Nachtwache“
Sinnbilder und Verborgene Geometrie
im Bild und in Amsterdam

280 Seiten, über 178 Abbildungen, Leinen, ISBN 3-932539-10-9
EFODON e.V. (ME-21)


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