Rembrandts „Nachtwache“ neu gesehen

© 1998 Volker Ritters, veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 28/1998

Rembrandt und sein Werk sind in der herrschenden Bildgeschichtswissenschaft immer noch ein Rätsel, besonders auch sein berühmtestes Bild, die „Nachtwache“ (Kapitän Frans Banningh Cocq gibt seinem Leutnant den Befehl zum Abmarsch der Bürgerkompanie). Eine Deutung von Rembrandts Bildern sei „besonders schwierig, da Rembrandts Charakter so außerordentlich individualistisch war und auch deshalb, weil wir seine geistige Welt fast nur aus den von ihm geschaffenen, erst zu deutenden Werken kennen.“ (Bialostocki, S. 184). Deutung des Werkes und Bedeutung Rembrandts können also nicht einfach aus einem Text abgelesen werden, sie müssen vielmehr aus dem Werk herausgelesen werden. Dazu muss man im Werk lesen können. Ähnliche Gedanken äußert Charpentier über die Entschlüsselung der Bedeutung der gotischen Kathedrale: „Der Baumeister schweigt. Aber er hat seine Antwort - in Stein geschrieben - hinterlassen. Wer richtig zu fragen weiß, dem spricht dieser schweigende Stein, und die Kathedrale antwortet ihm.“ (S. 78)


Abb. 1:  Der Turm Swijg Utrecht mit Brücke 1607 (Radierung, vor 1725)


Wir erfahren nur das, was uns durch eigene Hinsichten und Fragen zu erfahren möglich ist. Es gibt keinen fertigen Text, von Rembrandt verfasst, der uns das aspektreiche Hinsehen abnimmt. Ein Beispiel aus der herrschenden Wissenschaft möge dieses Suchen verdeutlichen. Tümpel schreibt (S. 80): „Das Gemälde ist ... das Gruppenbildnis einer Gilde... Die Schützengilden stammen noch aus dem Mittelalter, und in Amsterdam gab es im 17. Jahrhundert deren drei.“ Tatsächlich ist die gemalte Kompanie keine Gilde, und im 17. Jahrhundert gab es in Amsterdam keine Schützengilden, da diese bereits 1580 aufgelöst wurden. „Die Cloweniersgilde hatte“, so fährt Tümpel fort, „den Swijg Utrecht-Turm, der an der strategisch wichtigen Straße nach Utrecht stand, als ihr Gildehaus mit angrenzendem Schießplatz eingerichtet. In den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts erbaute sie ein neues Schützenhaus in der nahen, kurz zuvor erschlossenen Nieuwe Doelenstraat.“ (S. 81; Anm.: Cloweniers-Gilde ist Büchsenschützengilde; doelen ist Schützenhaus). Tatsächlich war die Straße am seit 1522 benutzten Turm eine unbefestigte Straße ohne strategische Bedeutung, bis sie um 1636 befestigt wurde, als die Stadt als Eigentümerin des Turmes, und nicht eine Gilde, einen Anbau an den alten Turm, und nicht einen Bau in der Nähe, ausführte. Und tatsächlich war der Schießplatz nicht angrenzend, sondern auf der anderen Straßenseite über eine Holzbrücke erreichbar [Abb. 1].


Abb. 2:  Angriff auf Amsterdam 1577 (Radierung, 1697)

Abb. 3:  Schütze, Anfang 17. Jh. (Radierung, 17. Jh.)


Diese Richtigstellungen (gegen Gilde, für Kompanie) sind deswegen so wichtig, weil Rembrandt in der „Nachtwache“ (die er für den Schützenhaus-Anbau malte) die Ideale der alten Schützengilden-Bruderschaften darstellte (in der Allegorie, in der Geometrie, in der Verborgenen Geometrie), was nicht verwunderlich wäre, wenn es zur Zeit der Darstellung, um 1640, noch Gilden gewesen wären. Da sie es aber nicht mehr waren, zeigt diese Rückbesinnung auf alte Tugenden einen besonderen Zug der Amsterdamer Stadt-Politik, sich nämlich auf die eigene (mitbrüderliche) Stärke zu verlassen, und sich notfalls auch gegen Angriffe des holländischen Statthalters (so 1577 [Abb. 2] und 1650 geschehen) heftig und mit Erfolg zu wehren. Cocq war später, 1650-1654, Bürgermeister in Amsterdam und baute dann das städtische Wehrwesen noch aus [Abb. 3].

In der Geometrie des Bildes [Abb. 4] zeigt der um die Daumenspitze des Kapitäns Cocq (sein hervorragender Zeiger) geführte Kreis, der durch den Griff der Fahne (vendel ist Fahne, Kompanie) geht, eine Überschneidung mit dem unteren Stockende des Kapitäns (da, wo ein Stock aus der Erde wächst und verwurzelt ist: Geburtsort, Heimat): Die Vendel  steht zur Vaterstadt, die Regierung kann sich auf das Wehrwesen verlassen, es ist regierungstreu. (Im Kampf gegen die spanische Vorherrschaft, 1568 - 1648, war dieses ein zentrales Problem.) Auch führt der gezeigte Kreis über die Gewehrmündung und über den Geldbeutel der Marketenderin: Das Wehrwesen hat Feuerkraft und Finanzstärke. Die Aussage heißt hier also: Die starke Bürgerwehr steht zur Vaterstadt und zum Vaterland.


Abb. 4:  Die Nachtwache, Cocq und das Wehrwesen (Zeichnung)


Haak sagt: „Als die Bedrohung durch Feindseligkeiten im 17. Jahrhundert abnahm, wandelten sich die Gilden, nun eher Bürgerwehrkompanien, mehr und mehr zu Gesellschaftsclubs für wohlhabende Herrschaften“ (S. 56). Tatsächlich dauerten die kriegerischen Auseinandersetzungen mit Spanien, mit der Unterbrechung durch einen zwölfjährigen Frieden 1609-21, bis zu den Friedensverhandlungen 1647 an [Abb. 5]. Und die Anzahl der Kompanien wurde im 17. Jahrhundert, 1613, anlässlich der 3. Stadterweiterung auf dreizehn, 1622 auf zwanzig und 1650 auf vierundfünfzig erhöht. 1623 gab es einen Brandanschlag auf Amsterdam und 1628 inneren Aufruhr. - Als Schützenliebhaber gab es die „Gebrüderschaft des Schützen-Ordens von Sankt Michael in den Kloveniers-doelen“, die aber nicht mit den Kompanien der Bürgerwehr zu verwechseln ist. - Die Geometrie des Bildes zeigt dem Bildleser die Darstellung der Wichtigkeit (Darstellungswürdigkeit) der starken und regierungstreuen Vendels.


 

Abb. 5:  „De Munstersche Vrede beëedigt, door de Spaansche en Staatsche Gevolmagtigden, in ´t jaar 1648“  (Radierung, 1755) - Vor 350 Jahren.

 

Abb. 6:  Maria de Medici auf dem Thron im Schützensaal der Kloveniers-Doelen (Radierung, 1638)


Ein anderes Beispiel dafür, wie schwer sich die Wahrheitssuche gestaltet, ist das Verschweigen oder das Abstreiten der Ansicht, der Maria de Medici-Besuch in Amsterdam 1638 habe etwas mit der „Nachtwache“ zu tun (vgl. Schwartz, S. 212) [Abb. 6]. Maria de Medici war einerseits französische Königin und Regentin für ihren Sohn Ludwig (XIII.) gewesen, Mutter der spanischen und englischen Königin (Elisabeth und Philip IV. von Spanien, Henrietta und Karl I. von England), - andererseits war die katholische Fürstin jesuitisch erzogen und spanisch gesinnt, also für Amsterdam gesinnungsmäßig eigentlich nicht akzeptabel. Dagegen war man weltoffen und mit ihrem Sohn Ludwig XIII. in festem Bündnis gegen Spanien. Kompliziert wurde es nun dadurch, dass der holländische Statthalter Prinz Fredrik-Hendrik seinen Sohn Willem (II.) [Abb. 7] mit einer der Töchter des englischen Königshauses (das anfing, sich zur spanischen Seite hin zu neigen), also mit Maria de Medicis Enkelkind (Maria) [Abb. 8], verheiraten wollte, welches Ansinnen Maria de Medici dort vortragen sollte (und tat, und das mit Erfolg). So wurde ihr ein überaus prunkvoller Empfang bereitet, - und doch fehlten nicht Hinweise auf die Abneigung gegen die (in Amsterdam bis 1578 erlittene) spanische Inquisition (vorgetragen in einer Theatervorführung und im Bericht über den Besuch in Buchform [Abb. 10, 11]).


 

Abb. 7:  Willem II. (Radierung, 1755)

Abb. 8:  Maria von England (Stahlstich, 19. Jh.)

Abb. 9:  Fahne der spanischen Inquisition
(Abzeichnung nach Zierer)


Auch von diesem Besuch 1638 berichtet die „Nachtwache“ 1640-42, was bisher übersehen wurde:

Rechts im Bild [Abb. 4] ist ein Hund dargestellt, der gegen den Trommler oder gegen den Trommelwirbel bellt. Die Fahne der durch die Jesuiten neubelebten spanischen Inquisition zeigt einen folgsamen Hund mit einem Staubbesen im Maul, der die Weltkugel mit diesem Besen vom Staub und Dreck (wahrscheinlich von Nicht-Katholiken) säubert [Abb. 9]. Er macht, als folgsamer Hund seines Herren, eines Jesuiten-Mönches mit Ölzweig und Schwert in Händen, einen Staubwirbel. Anders ist es in der „Nachtwache“: Der Hund (sicherlich auch ein folgsamer Hund, nur eben eines Amsterdamer Herren) ist hier nicht für, sondern gegen den Stock mit dem Wirbel (hier mit einem Trommelwirbel). Wenn der Hund jedes Mal für seinen Herrn spricht, sagt er also in der „Nachtwache“: In Amsterdam ist niemand für den Stock, der einen Wirbel macht, in Amsterdam ist niemand für die spanische Inquisition. Im Buch über den Medici-Besuch fasst der Hund den Stock nicht an [Abb. 10], wogegen die Abneigung in der „Nachtwache“ zur Aggression gesteigert wird.

So zeigen diese beiden soeben vorgetragenen, neuen Deutungen den Zusammenhang von Position und Negation, sie zeigen, was man wollte und was man nicht wollte: Man wollte eine starke Bürgerwehr gegen die spanische Gefahr.

Weitere Inhalte dieses vielschichtigen Bildes sind in dem Buch „Rembrandts Nachtwache, Sinnbilder und Verborgene Geometrie im Bild und in Amsterdam“ (siehe Ankündigung auf der letzten Seite; d. Red.) neu beschrieben und gedeutet: Das gesprochene Wort im Bild, das wirkende Wort im Gral, Übereinstimmungen mit Raffaels „Schule von Athen“ in der Verborgenen Geometrie, Malergilden- und Steinmetzengilden-Geheimnisse in Amsterdam.

Dabei wurden die historischen niederländischen Quellen in Schrift und Bild aus jener Zeit benutzt. Auch das Buch über den Medici-Besuch in Amsterdam von Kasper van Baerle, „Medicea Hospes ...“, Amsterdam 1638 [Abb. 11], das Rembrandt bei seiner Arbeit 1640 in Händen gehabt haben kann, lag für diese Arbeit vor und ist in den meisten Abbildungen wiedergegeben.


 

Abb. 10:  Der Medici-Festzug vor dem Tor an der Varkenssluis (Ausschnitt, Radierung, 1638)

 

Abb. 11:  Titelseite Medicea Hospes... (Buchdruck, 1638)


Literatur

Volker Ritters: „Verborgene Geometrie. Geheimsprache und Geheimlehren in Bildern von Dürer bis Boucher“, Sauerlach 1996. [EHLERS-Verlag, Mühlweg 2 c, 82054 Sauerlach, Tel. 08104/6635-0, Fax. 08104/6635-15]

Jan Bialostocki: „Stil und Ikonographie“, Köln 1981.

Louis Charpentier: „Die Geheimnisse der Kathedrale von Chartres“, Köln 1972.

Bob Haak: „Das goldene Zeitalter der holländischen Malerei“, Köln 1984.

Gary Schwartz: „Rembrandt. Sämtliche Gemälde in Farbe“, Stuttgart, Zürich 1987.

Christian Tümpel: „Rembrandt“, Reinbek bei Hamburg 1977.

Bildnachweis

Abb. 4: Volker Ritters; Abb. 8: Archiv V. Ritters; Abb. 1, 2, 3, 5, 6, 7, 10, 11: Privatsammlung; Abb. 9: Abzeichnung nach: Otto Zierer Kultur und Sittenspiegel III, Fackelverlag Stuttgart, Salzburg o.J., S. 141.

 

Volker Ritters

Rembrandts „Nachtwache“
Sinnbilder und Verborgene Geometrie
im Bild und in Amsterdam

280 Seiten, über 178 Abbildungen, Leinen, ISBN 3-932539-10-9
EFODON e.V. (ME-21)


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