Volker Ritters
Rembrandts „Nachtwache“ und die Sterne
(Veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 29/1998)
Rembrandts „Nachtwache“ schmückte seit 1642 (und möglicherweise bis 1683) den Schützensaal (rechts hinten [Abb. 1]) im ersten Stockwerk des neuen Anbaues an den alten Turm der Kloveniers-Doelen [Abb. 2] in der Nieuwe Doelenstraat in Amsterdam. Sie beinhaltet aktuelle Geschehnisse, so den Besuch der Maria de Medici in Amsterdam (mit ihrem spanisch gesinnten und jesuitisch geprägten Hintergrund) vom 1. bis 5. September 1638, also vor genau 360 Jahren, wie wir schon sahen (SYNESIS Nr. 28, S. 31ff.).
Rembrandts Schützenstück (von 1640-42) beinhaltet nicht nur jene politischen Botschaften (des Strebens nach Unabhängigkeit von Spanien, 1648 erfüllt im Friede zu Münster) und die von der Verborgenen Geometrie schon bekannten philosophisch-religiösen Bereiche (s. etwa ME-12, ME-19), sondern auch Aussagen über den Sternenhimmel und seine Beziehung zum Menschen, was folgend gezeigt werden soll.
In den Bildern eingeweihter Meister (die von der Königlichen Kunst der gotischen Dombauhütten wußten und diese in der Verborgenen Geometrie des Bildes darstellten) sieht man gelegentlich einen aufgerichteten Stab in zentraler Position, der eine verlängerte Erdachse oder einen Peilstab darstellen kann (s. Rothwangl, S. 5ff.)
Eine verlängerte Erdachse, die auf den Polarstern gerichtet ist, versammelt um sich die scheinbar umlaufenden Kreisbahnen der benachbarten Sterne. Und die Erkenntnis dieser Verhältnisse (fester Punkt und Umlaufbewegungen) kann durch Peilungen mit Hilfe von Peilstab und Peilungsmarkierungen (Peilergebnissen) gewonnen werden. Peilergebnisse (graphische Notierungen) lassen also eine feste Position des Polarsternes und die veränderten Positionen anderer Sterne in ihren Umlaufbahnen erkennen.

Abb. 1 (Kupferstich 1748)
Ob dieser Peilstab in der Verborgenen Geometrie (in der bildenden Kunst) enthalten ist, soll nun geprüft werden. Zuvor soll noch eine Vereinfachung für die Bildwelt unterstellt werden: Kreisbewegungen am Himmel werden, sofern der Peilstab nicht mit der verlängerten Erdachse identisch ist (sofern der senkrechte Peilstab nicht direkt auf den Polarstern gerichtet ist) Peilergebnisse in von der Kreisbahn abweichenden Bahnen ergeben [Abb. 3], die bei der Suche im Bild der Einfachheit halber ausgelassen werden. Bei der Suche wird vielmehr vereinfachend angenommen, daß es kreisförmige Ergebnisse um den Peilstab herum gibt [Abb. 4]. (Bei sinnvollen Ergebnissen kann diese Unterstellung als wahrscheinlich angenommen werden).

Abb. 2: Af beelding van´t pragtig Konst vuur gebouw ´t welck ter eere voor´t groot Moscovis gesantschap door bevel der Ee: Groot agtbaare Heere Burgermeesteren ende regeerders der Stad Amsterdam vertoont is, by de kolveniers doele den 29. Augustus 1697. (Radierung von Moucheron/v.d. Berge, 1697)

Abb. 3: Peilstab und Peilergebnisse.

Abb. 4: Peilstab in Übereinstimmung mit der verlängerten Erdachse.
In Raffaels Schule von Athen [Abb. 5] erhebt Platon den rechten Zeigefinger und bildet mit Unterarm, Hand und Zeigefinger einen deutlich aufgerichteten Peilstab, um den herum, auf acht Kreisbahnen angelegt, jeweils zwei wichtige Punkte liegen. Es sind
1. der Punkt Schönheit (Sch.) und der Meistergriff des Aristoteles am Handgelenk,
2. die Mitte des magischen Dreiecks (das Wort Gottes) und der Nacken (der Mund Gottes) der Figur Religo (R.),
3. der Punkt Religo (R.) und der Nacken (der Mund Gottes) des Diogenes,
4. der Punkt Weisheit (W.) und der Beginn des Weges des Meisters zwischen den beiden Säulen Jakin und Boas (J+B),
5. des Evangelisten Lukas´ Griffel, er schreibt das Geschlechtsregister des nathanischen Jesus auf (Falck-Ytter, S. 62), und die Hand des Jünglings, die den Boten des Alten und Neuen Testamentes aufhält (Falck-Ytter, S. 45ff.),
6. der Meistergriff des Apollo am Handgelenk und der Nacken (der Mund Gottes) der Figur, die den Anfang der Reise des Weges der zwölf Stufen der Wandlung bedeutet [Abb. 6, P0],
7. der Meistergriff der Athena am Handgelenk und das Buch der Weisheit,
8. die Erdkugel und das Zirkelgelenk.
Es geht um die Arbeit des Meisters (1.), um das Empfangen des Gotteswortes (2.), der Religo (3.), um den eigenen Tempelbau (4.), um die gebremste Annahme des Neuen Testamentes (5.), um den eigenen mühsamen Weg (6.) zum Buch der Weisheit (7.), und dann schließlich darum, daß die Erde, die Menschen, in der Liebe Gottes stünden (8.).

Abb. 5: Raffaels Schule von Athen und Peilergebnisse

Abb. 6: Die Figur bei Euklid in der Position von P0.

Abb. 7: Peilergebnisse und versammelnder Gegenüberpunkt.
Diese Peilergebnisse sind (wenn wir den oben gemachten Einschränkungen/Bedingungen noch etwas bis zu einem möglichen sinnvollen Ergebnis folgen können) aus den Sternen empfangen, sie kommen von oben. Und doch sehen wir nicht Sterne auf den Kreisbahnen, sondern philosophisch-religiöse Inhalte und Bedeutungen dieses Bildes, die auf jedem Kreis eine Zusammenführung beider Bedeutungen, eine Zusammenfassung beider Punkte, erlauben. Und die Erklärung für die höhere Herkunft dieser Inhalte wäre auf der den Peilergebnissen gegenüberliegenden Seite des Peilstabes zu suchen, denn auf dieser Seite liegt die Herkunft, und da liegen die Ursachen für die Peilungen.
Geometrisch heißt also die Untersuchungs-Anordnung (um nachzusehen, ob Sinnvolles entsteht): 1. Zwischen beiden Peilergebnissen wird der Punkt, der beide Peilergebnisse eint, aufgesucht, und 2. auf dem Kreis in die Gegenüberposition gebracht. Also für die Punkte P1A und P1B (Ergebnisse) wird auf dem gleichen Kreis gegenüberliegend (auf der Seite der Herkunft) der versammelnde Punkt P1 markiert [Abb. 7]. Damit wird geometrisch eine Form für die Erforschung der Herkunft von den Sternen, für das Bewußtsein von einer höheren Urheberschaft, gesetzt.
Die Verbindungen dieser Punkte (P1 bis P8 [Abb. 8]) ergeben wieder Figuren, die auch gelesen/gedeutet werden können. Die Strecke P1-P2 ist in der Strecke P7-P8 gut fünfmal enthalten und beide laufen annähernd parallel. Sie bedeuten Fünf, also Leben, und sie bilden einen Schacht von links oben nach rechts unten, wie es etwa beim Licht-Schacht im Externstein-Relief zu sehen ist (ME-12, S. 126). Es ist ein mit Leben erfüllter Schacht zwischen unten und oben, zwischen Erde und Himmel, zwischen Leben und Ewigem Leben. Dann zeigt die Figur P2-P3-P4-P5 eine Schleife, die in dem Zeichen für Werdung (Zirkelkorrespondenz 7/8, 1986, S. 275 [Abb. 9 a]) enthalten ist in Gestalt des den Zugang hierzu darstellenden Feldes links oben (r&z-special 8, S. 51 [Abb. 9 b]). Diese Schleife ist also wie ein Schlüssel. Die Werdung steht zwischen Gärung, Fäulnis (vorausgehend) und Erhebung, Wiedergeburt (nachfolgend) und meint die Überwindung des Körperlichen, Fleischlichen als Vorbereitung zur Erhebung der Seele zum Lichte (s. Hieber S. 28).
Diese Schleife als Zugangsschlüssel zur Werdung ist nicht nur in der Figur P2-P3-P4-P5, sondern auch in der Figur P5-P6-P7-P8 ausgedrückt, einmal nach oben gewandt, einmal nach unten. Die Verwandlung als Übergang bezieht sich auf zweierlei, auf ein Verlassen und Weggehen und auf ein Erreichen und Hingehen. So ist auch hier eine zweimalige Darstellung desselben, eines Weggehens und eines Hingehens, zu sehen - und zudem bezogen auf den Lichtschacht, der den offenen Weg zwischen unten und oben darstellt.

Abb. 8: Raffaels Schule von Athen mit Verursachungen der Peilergebnisse.

Abb. 9: Schleife und Zeichen für Werdung.
Das Ergebnis zeigt also nicht nur den Inhalt (die Arbeit des Meisters am eigenen Tempelbau mit dem Hinweis, die christliche Botschaft anzunehmen, so daß die Liebe zu den Menschen käme), sondern zugleich dessen Hintergrund, das Bewußtsein seiner Herkunft von oben, hier dargestellt im Bild vom Lichtschacht und von der Werdung.
In Kenntnis dieser sinnvollen Darstellung einer von den Sternen kommenden Botschaft (im Bild durch Peilstab und konzentrische Kreise ausgedrückt) - wird nun auch bei Rembrandts Nachtwache nach Ähnlichem gesucht.
Rembrandt war zwar nie nach Italien und Rom gereist, hatte aber doch in seiner Sammlung Stiche nach römischen Bauten und nach italienischen Meisterwerken. Er besaß allein vier Bände mit Stichen nach Raffael (Rosenberg S. 32), und Raffaels Schule von Athen soll er gekannt haben (Gerson, S. 74). Rembrandt zeichnete Raffaels Bild von Castiglione auf einer Auktion in Amsterdam und setzte sich selbst z.B. in einer Radierung in ähnliche Pose [Abb. 10, 11]. Rembrandt (1606-1669) schien also künstlerisch mit Raffael (1483-1520) zu wetteifern. Da nun die Komposition der Nachtwache auch äußerlich Ähnlichkeiten mit der Komposition der Schule von Athen aufweist (locker gestreute Menschengruppen und zwei zentrale männliche Figuren vor einer frontal gesehenen Tor- und Hallenanlage), soll die Verborgene Geometrie in beiden Werken verglichen werden, und zwar speziell der Peilstab in ihr:
In Rembrandts Nachtwache [Abb. 12] hält nun der Hauptmann Frans Banningh Cocq den Daumen seiner linken Hand hoch, der auch einen Schatten auf den Bauch des neben ihm gehenden Leutnants Willem van Ruytenburgh wirft. Dieser Daumen betätigt sich also als Schattenwerfer und ist wie ein Peilstab anzusehen, der hier eine Beziehung von der Sonne zu einem bestimmten Ort vermittelt.
Um den Daumen herumlaufend sind vier Kreisbeziehungen zu finden, die direkt zum politischen Thema des Bildes passen. Es liegen jeweils auf einem Kreis:
1. Vendel (Fahne, Kompanie) und Stock auf der Erde (Wurzel, Verwurzelung, Heimat),
2. Pulverfläschchen (Feuer, Licht, Religion) und unteres Spießende (Hl. Georg, Drachentöter, den Querriegel/die Waagerechte des Tieres durchstoßend zur Freilegung des senkrechten/aufrechten Weges nach oben),
3. Eisenring (Ankettung, Fremdherrschaft) und Trommelstock (Trommelwirbel, Staubwedel wie bei der Fahne der Inquisition, s. SYNESIS Nr. 28, S. 35, Abb. 9),
4. Hand am Pulverhorn (eigene Verfügung, Macht über das Pulver, Eigenmacht) und Mundwinkel des Puttenkopfes (Ort für Salomos Siegel der Verschwiegenheit).
Die Sterne sagen hier also: Das Wehrwesen steht zur Heimatstadt, zum Vaterland (1.), die freie Religionsausübung ist gegen den behindernden Querriegel, der ans Tierische/Materielle anbindet (2.), die Gefahr der Ankettung an spanische Inquisition (3.) lauert im Rücken (s. im Bild) der verschwiegen (seit 1578 ohne demokratische Nachwahlen) ausgeübten Eigenmacht/aristokratischen Regierung in Amsterdam (4.).

Abb. 10: Le Comte Castiglione von Raffael (Stahlstich, 19. Jh.)

Abb. 11: Selbstbildnis Rembrandts, B 21 (Radierung, Kopie um 1870)
Diese politischen Aussagen der Peilergebnisse nach dem Stand der Sterne passen zum Schützenbild der Nachtwache, das ja gerade die Stärke der Kompanie der angesehenen Bürger des II. Amsterdamer Wehr-Bezirkes unter Banningh Cocq darstellt. Dann gibt es auch hier sinnvolle Nachforschungen nach den Verursachern der Peilergebnisse (Erforschung der Herkunft, Bewußtsein von einer Urheberschaft) [Abb. 13]:
Die gemittelten Werte der Bögen (aus den Peilungen) werden wieder auf der Gegenseite des Peilstabes auf jeweils gleichem Kreis eingezeichnet. Es entstehen so die Punkte P1, P2, P3, P4. Diese Punkte liegen nun auf einem einzigen Kreis (um M) und steigen von Fußbodenhöhe mit P4 über P1, P2, zum Zenit (zum Punkt über Cocqs Daumen) in P3 an.
Weiterhin liegen diese vier Punkte an bedeutungsvollen Orten:
1. Der Punkt P4 liegt auf der rechten Vorderpfote des Hundes, das ist der erste Schritt nach rechts vorn, den der Lehrling bei seiner Einweihung bei den drei merkwürdigen Schritten, vom Westen kommend, gen Süden tut (Position des Lehrlings).
2. Der Punkt P1 liegt am Hutrand des Spießträgers, das ist der Ort des Geistigen, das ist der Süden, in dem der Geselle arbeitet (Position des Gesellen).
3. Der Punkt P2 liegt im ovalen Steinschild rechts unten, das ist im Andreaskreuz die Zeit 24 Uhr, Beginn der Dunkelheit und der Verwandlung im Norden, wo der Meister arbeitet (Position des Meisters).
4. Der Punkt P3 liegt über Cocqs Daumen, er bildet in diesem Zusammenhang den höchsten Ort, es ist der Osten (das Ziel der ganzen Arbeit).
Danach beschreibt die aufsteigende Bahn vom Erdboden bis zum Zenit die Arbeit des Eingeweihten vom Anfang und über alle Stufen hinweg bis zu seinem Ziel im Ewigen Osten. Dieses sagt einmal, daß hier der Eingeweihte (als Ursache für Peilergebnisse) den Lauf der Sterne beobachten und deuten kann, bzw. daß ihm von oben die Eingebung zukommt, zum anderen, daß hier eine innere Entsprechung zu den dargestellten Werten des freien und aristokratisch regierten Gemeinwesens vorliegt: Einem inneren Streben nach Vervollkommnung entspricht die äußere selbstbewußt und stark auftretende Erscheinung von Wehrwesen und Regentschaft.

Abb. 12: Rembrandts Nachtwache und Peilergebnisse
Während die Peilergebnisse mit den Erforschungen ihrer Herkunft einen irdischen Forscher-Horizont beschreiben, der sich seiner Anbindung an höhere Regionen bewußt wird, gibt es noch eine Darstellung der Sterne des Himmels selbst, es sind kreisende Mühlräder (s. Rothwangl, S. 8, 11, 19), die auch in Raffaels Schule von Athen und in Rembrandts Nachtwache auftreten (siehe ME-21).
Die Überprüfung der Kreise um Cocqs Daumenspitze kann direkt vor dem Bild auf einfache Weise vorgenommen werden. Mit vorgefertigten, kreisrunden Papierscheiben mit etwa 3, 4 und 5 cm Radius und einem Loch in der Mitte von ungefähr 5 mm Durchmesser, kann man vor dem Bild das Loch auf Cocqs Daumen halten und dann durch Veränderungen des Abstandes zwischen Scheibe und Auge einen markanten Punkt, etwa den Fahnenstockgriff auf den Rand legen, um nachzusehen, ob die anderen Punkte (Stockende, Geldsack, Gewehrmündung) auch auf dem Kreis liegen. (Dasselbe geht natürlich auch mit bedruckter Transparentfolie.)

Abb. 13: Rembrandts Nachtwache und Verursachungen der Peilergebnisse.
Wenn auch die Nachtwache keine Nachtwache ist, so können wir doch jetzt wenigstens die Sterne am Himmel der Nachtwache sehen.
Literatur
Falck-Ytter, Harald: Raphaels Christologie, Stuttgart 1983.
Gerson, Horst: Rembrandt paintings, New York 1968.
Hieber, Otto: Der Johannis-Meistergrad, Bad Harzburg 1964 (4. Aufl.).
Ritters, Volker: Das Relief an den Externsteinen Hohenpeißenberg 1997 (EFODON ME-12)
Ritters, Volker: Lucas Cranach schuf das Externsteinrelief Hohenpeißenberg 1997 (EFODON-ME-19)
Rosenberg, Adolf: Rembrandt, des Meisters Gemälde Stuttgart und Leipzig 1904.
Rothwangl, Sepp: Beginnt 2000 ein neues Zeitalter? in: raum&zeit Nr. 93, EHLERS Verlag, Sauerlach 1998.
raum&zeit Special 8: Verborgene Geometrie. Geheimsprache und n Bildern von Dürer bis Boucher, von Volker Ritters, EHLERS Verlag, Mühlweg 2 C, 82054 Sauerlach, 1996.
Zirkelkorrespondenz (Mitteilungsblatt der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland) Uetersen.
Bildnachweis
Abb. 1, 2, 10, 11 (Tiefdrucke): Privatsammlung; Abb. 3 bis 9, 12, 13 (Zeichnungen): Volker Ritters.
Volker Ritters
Rembrandts „Nachtwache“
Sinnbilder und Verborgene Geometrie
im Bild und in Amsterdam
280 Seiten, über 178 Abbildungen, Leinen, ISBN 3-932539-10-9
EFODON e.V. (ME-21)