In welchem Land lag der Salomonische Tempel?
© Horst
Friedrich, veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 3/1994
In
seinem Buch über eine möglicherweise multiple historische Identität des im Neuen
Testament als authentisch präsentierten Jesus hebt Kamal Salibi1
hervor, dass es - trotz intensiver archäologischer Bemühungen - bis zum
heutigen Tage nicht gelungen ist, auch nur die allergeringste Spur eines
Beweises dafür aufzufinden, dass der legendäre biblische Tempel König Salomos
sich tatsächlich einst in Jerusalem befunden habe.
Salibi
verweist zwar nicht, wie etwa Gunnar Heinsohn2, die
Gesamtreichskönige David und Salomo ins Reich der Legende. Er behauptet aber,
dass sich die Geschichte des alten Israel in Südarabien, statt in Kanaan
(Palästina), abgespielt habe. Nach seiner These müsste man also nach dem
Salomonischen Tempel dort, nämlich im Hochland von Asir am Roten Meer, suchen.
Der
Verfasser gesteht gerne zu, dass unsere Unwissenheit über die Zeit vor -500
derzeit noch so riesengroß ist, dass noch allerhand Raum für nonkonformistische
Thesen ist. Auch tappen wir zugegebenermaßen noch sehr im Dunkeln, was die
mutmaßlich sehr wichtige Rolle angeht, die Südarabien offenbar im Netz der vor-
und frühgeschichtlichen Zusammenhänge gespielt hat3. Aber auch
Salibi starrt, wie die Schulwissenschaft, quasi hypnotisiert ausschließlich auf
den Alten Orient, als sei dieser der Nabel der Welt gewesen. Dies war der Nahe
Osten aber zu keiner Zeit! Es handelt sich hier ganz eindeutig um eine Idée
fixe, die uns erst im 19. Jahrhundert, unter dem Eindruck der Ausgrabungen in
Ägypten und Babylonien, aufoktroyiert wurde.
Der
Verfasser meint, es ist hohe Zeit, den vorgeschichtlich-geografischen Horizont
zu weiten! In diesem Sinne, aus einem umfassenden Blickwinkel betrachtet,
vermag die Salibische These ihn letztlich nicht zu überzeugen. Hingegen liegt
ihm schon seit einiger Zeit etwas weitaus Überzeugenderes vor zu unserem Thema:
nämlich die viel zu wenig beachteten Veröffentlichungen Jacques Touchets4.
Touchets La Grande Mystification
Touchet
ist der Besitzer des Hotels »Bonnafoux« in der Altstadt von Carcassonne
(Südfrankreich), daneben - oder hauptsächlich - aber ein genialer Außenseiter,
dessen Wissen ihn durchaus befähigt, der Schulwissenschaft das Wasser zu reichen,
wie man so sagt. Da sein Magnum opus »La grande Mystification« bisher weder in
einer anderen Sprache, noch überhaupt in Buchform5, veröffentlicht
wurde, möchte der Verfasser, einer Anregung von Thomas Riemer folgend,
hier einen kurzen Abriss des Touchetschen »Szenarios« geben.
Touchet
hatte schon 1988 konstatiert, dass »es immer zweifelhafter wird, dass dieser
erste Tempel je existierte, zumindest in Palästina«6. Wie war er
zu dieser Behauptung gekommen?
Einerseits
hatten ihn langjährige Studien der iberischen Schrift dahin gebracht, die
iberischen Inschriften sinnvoll zu entziffern, d.h. lesen zu können, und zwar
auf der Basis der Annahme, dass es sich beim Iberischen um eine alt-semitische,
dem alten Aramäisch nahe verwandte Sprache handele. Andererseits faszinierte
ihn die Tradition der Sephardim7, der jüdischen Minorität der
Iberischen Halbinsel, wonach dieser iberische Westen schon immer ihre Heimat
gewesen sei, sie keineswegs aus Palästina dort eingewandert seien.
Breitgefächerte weitere Forschungen führten ihn schließlich zu dem nachstehend
stichwortartig skizzierten Szenario.
1. Die
Heimat der Semiten ist der iberische Westen.
Von
dort aus sind sie erst in den Nahen Osten eingewandert. Das ursprüngliche,
erste »Tyrus« der Phönizier war das uralte Cádiz, das Tor zum Atlantischen
Ozean.
2. Das
Reich Salomos befand sich in Spanien.
Erst
nach Salomo tauchen die »Ibri« - die hebräische Bibel kennt keine
»Hebräer« - in Kanaan auf8. Zion, die Stadt Davids, lag an der
Stelle des heutigen Granada: der Salomonische Tempel befand sich dort, wo heute
die Alhambra steht9.
Touchet
macht zu den marmornen Löwen am Löwenbrunnen im Patio de los Leones der
Alhambra die interessante Bemerkung, dass diese nach Ansicht von Spezialisten
aus dem -10. oder -11. Jahrhundert (konventioneller Zeitrechnung) stammen, und
er fragt: »Wie kommen diese Löwen aus der Zeit Davids und Salomos hierher?«.
Er erwähnt auch die uralten Festungsmauern, auf denen offenbar in
arabisch-maurischer Zeit die Alhambra errichtet wurde. Er fährt fort: »Wir
haben keine großen Zweifel mehr über den sehr direkten Zusammenhang zwischen
Granada und der Stadt Davids, wo Salomo den Tempel erbauen ließ«. Und zur
Bestätigung zitiert er aus dem von Marino Antequera herausgegebenen offiziellen
Alhambra-Führer, dass der Löwenbrunnen »einen sehr archaischen Eindruck
macht, was bereits vor längerer Zeit der Archäologe Valladar und der Kenner arabischer
Kultur Almagro Cardenas bemerkt haben; sowohl vom Brunnenbecken wie von den
Tieren her erinnert er an das ‘‘Bronze-Meer’’ im Tempel Salomos«.
3. Auch
die Alphabetschrift stammt aus dem iberischen Westen.
Die
Buchstabenschrift - nämlich das phönizische, das aramäische und das hebräische
Alphabet - gelangte erst mit den Ibero-Semiten in den Nahen Osten10.
4. Die
geografische Namenswelt wanderte mit den Ibero-Semiten vom iberischen Westen in
den Nahen Osten.
Entsprechend
dem Brauch vieler Völker brachten die ibero-semitischen Invasoren/Kolonisatoren
Orts-, Fluss- und Bergnamen von der Iberischen Halbinsel in den Orient.
5. Das Alte Testament beschreibt in Wahrheit Verhältnisse nicht in Palästina, sondern im iberischen Westen.
Die biblischen Angaben -
nota bene für die Zeit von Abraham/Exodus/Salomo - zu geografischen
Örtlichkeiten/Verhältnissen/Wanderwegen und insbesondere zur Bevölkerungszahl
können sich ursprünglich unmöglich auf ein »Ur in Chaldäa«, einen Exodus von
Ägypten zur Sinai-Halbinsel und das kleine, aride Palästina bezogen haben. Es
wird ein ganz anderes Land beschrieben, nämlich die Iberische Halbinsel, und
der Exodus fand mutmaßlich, vom Maghreb (nicht von Ägypten!) kommend, über die
Straße von Gibraltar hinweg, statt11.
Der Verfasser glaubt, dass
das Touchetsche Szenario in seinen Kernaussagen zutreffend ist. Als »Ur«-Heimat
der Semiten die Iberische Halbinsel, respektive die atlanto-iberische - von
Marokko bis Dänemark reichende - Zivilisation im weiteren Sinne anzunehmen, ist
im Hinblick auf das vor-indogermanische, hamito-semitische
(räto-berberische, oder eben iberische) Substrat Alteuropas nur logisch. Die
noch gänzlich unverstandene Ur-Verwandtschaft, bei zugleich größter
Gegensätzlichkeit im Geistig-Seelischen, zwischen Semiten und Indogermanen12
bleibt allerdings auch bei Touchet noch dunkel.
Touchets Szenario findet
nun eine starke Stütze in den Forschungen Uwe Toppers über vor- und
frühgeschichtliche, offenbar wiederholt von Kataklysmen vernichtete
Hochkulturen auf der Iberischen Halbinsel13.
Toppers
Szenario
Das Leitmotiv von Toppers
ungewöhnlich originellem und verdienstvollem Magnum opus lässt sich am besten
mit Milosz’ Behauptung umreißen: »Iberien ist das älteste
zivilisierte Land unserer Welt«14.
Der besondere Wert dieses
Buches liegt primär darin, dass Topper mit offenen Augen und wachem Verstand
große Teile der Iberischen Halbinsel persönlich nach prähistorischen Überresten
durchforscht hatte und sich dann - unbeeinflusst von »scholastischen«
Lehrmeinungen - sein eigenes Urteil gebildet hat über das viele Erstaunliche,
das er gesehen hatte. So etwa uralte Strandlinien hoch über dem heutigen
Meeresspiegel und weit im Binnenland liegende prähistorische Seehäfen, beides
nur mit einem tektonischen Absinken und Wiederauftauchen des Landes erklärbar.
Wie Touchet glaubt auch
Topper eine uralte iberische Hochkultur zu erkennen, die von Marokko bis
Dänemark reichte. Diese war das Vorbild von Platos »Atlantis«. Aus den Zeiten
dieser Hochkultur stammen auch die megalithischen Überreste. Das Zentrum dieser
»atlanto-iberischen« Zivilisation war das uralte Cádiz (nach Touchet, wie wir
sahen, das ursprüngliche »Tyrus« der Phönizier).
Dieses Toppersche Postulat
einer uralten iberischen Hochkultur findet in der Tat eine starke Stütze in
dem, was bereits 1928 Elena Maria Whishaw - bestens fundiert und
unbezweifelbar - von den erstaunlichen Überresten prähistorischer
Zivilisationen (»zyklopische« Architektur, Bergwerke, spektakuläre
Wasserversorgungssysteme) in Andalusien zu berichten wusste15.
Einen entscheidenden
Schritt über Touchet hinaus tut Topper nun aber eben, indem er wiederholte
Kataklysmen in sein Szenario integriert. In der Phaéton-Katastrophe etwa sieht
er einen Planetoiden-Impakt. Touchet kann nämlich im Grunde nicht erklären,
warum die altiberische Hochkultur, die er (zumindest in ihrer letzten Phase)
mit dem Reich Salomos und dem »Ur-Phönizien« gleichsetzt, so gänzlich unseren
Blicken entschwunden ist. In einem katastrophistischen Szenario hingegen liegt
es auf der Hand, dass das iberische Reich Salomos von den letzten Kataklysmen
zerstört worden sein könnte.
Man kann nur hoffen, dass
Touchet und Topper zukünftig ihre Forschungen koordinieren, und dass sie ihrem
Szenario eine Chronologie-Verkürzung im Sinne von Heinsohn & Illig16
integrieren. Denn unsere chaotische und viel zu lange Chronologie stellt leider
einen alles gänzlich verwirrenden Konfusions-Mahlstrom17 dar.
Im Auge zu behalten bleibt,
dass das - bibelfundamentalistisch geglaubte, aber aus keiner einzigen
außerbiblischen Quelle zu belegende18 - davidisch-salomonische
Gesamtreich Israel zwar im Nahen Osten offensichtlich nicht existiert haben
kann, es aber mit erheblicher Wahrscheinlichkeit auf der Iberischen Halbinsel
in der Tat bestanden hat.
Dort, im iberischen Westen,
hatten die »Ibri« wohl auch bereits Kontakt mit den Philistern, die später
ebenfalls in den Ostmittelmeerraum auswanderten, so dass beide Völker in Kanaan
wiederum Nachbarn wurden. Und dort waren auch - schon damals - die Phönizier,
mit ihrem Zentrum Gades-Cádiz, ihre Nachbarn, die Salomo bei der Errichtung
seines Tempels halfen, und mit denen zusammen er die »Ophir«-Expeditionen19,
von denen die Bibel spricht, unternahm.
Zwar zerstiebt damit nun
offensichtlich die Illusion der Bibelfundamentalisten, dass die gesamte »Heilige
Schrift« das »Wort Gottes« im buchstäblichen Sinne sei. Aber andererseits kann
man sie ja nun wiederum mit der Mitteilung trösten, dass das Reich König
Salomos - trotz gänzlicher Fehlanzeige in Palästina - in der Tat existiert hat,
wenn auch nicht dort, wohin die auf uns gekommene Überarbeitung des Alten
Testaments es verlegt.
In
Anbetracht des enormen Wesens, das jüdische und christliche Buchreligion,
Sekten und Logen, Sage und Legende um Salomo und den Bau seines Tempels machen,
ist es allerdings ein ernüchternder Kommentar zu unserer Leichtgläubigkeit,
dass der Salomonische Tempel sich überhaupt nicht in Palästina und in Jerusalem
befand, sondern dass er an der Stelle der Alhambra von Granada stand.
Anmerkungen
(1) Kamal Salibi: „Die Verschwörung von Jerusalem - Wer war
Jesus wirklich?", München 1994. Salibi verweist, sehr
verdienstvollerweise, auf den Quran als eigenständige alte Quelle zur Person
Jesu. Hierzu auch sehr instruktiv: Günter Lüling: „Die Wiederentdeckung des
Propheten Muhammad", Erlangen 1981.
(2) Gunnar
Heinsohn: „Die Sumerer gab es nicht", Frankfurt am Main 1988, Seite 168.
(3)
Hierzu etwa Horst Friedrich: „Verschollene Städte, prähistorische Rätsel -
Childress!", in: Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart, Nr. 2-3/1990, Seite 105, zur
Herkunft der nabatäischen Zivilisation.
(4) Jaques Touchet: „La Grande Mystification",
kapitelweise veröffentlicht in MÉDITERRANÉA, Nr. 29 (1988) - 47 (1992),
Carcassonne.
(5) Lediglich eine spiralgebundene „version revue et corrigée"
der einschlägigen MÉDITERRANÉA-Seiten ist erhältlich bei der Société d'Etude
des Anciens Peuples Méditerranéens, 40 rue de la Liberté, F-11000 Carcassonne.
(6) Touchet, op.cit., Nr. 29 (1988), Kapitel
„Confrontations archéologiques", S. 17. Da die englische
Originalausgabe von Salibis Werk ebenfalls bereits 1988 erschien, wäre es
denkbar, dass beide Autoren dasselbe „morphische Feld", im Sinne Rupert
Sheldrakes, „angezapft" haben.
(7) Sefarad
= die Iberische Halbinsel (auf Hebräisch).
(8) Ähnliches hatte bereits O.V. de L. Milosz behauptet
in: „Les
Origines Ibériques du peuple Juif", in: Oeuvres Complètes, Bd. VII, Paris
1961.
(9) Touchet, op.cit., Nr. 42 (1991), Kapitel
„Canalisation du Siloe et Ville de David", S. 14-22.
(10) Vgl. auch Jacques Touchet: „De l'origine de nos Alphabets",
in: MÉDITERRANÉA, Nr. 15 (1984). Der Verfasser hat ein
umfassenderes, über Touchet hinausgehendes Szenario präsentiert in Horst
Friedrich: „Les lettres »greques« de Tell el-Yehudiya", in: MÉDITERRANÉA,
Nr. 23 (1986), sowie in den Vorbemerkungen zu Horst Friedrich: „Velikovsky,
Spanuth und die Seevölker-Diskussion etc.", 2., erweiterte Auflage,
Wörthsee 1990.
(11)
Eine Schwachstelle bei Touchet ist, dass er die Kataklysmen für Velikovskysche
Phantastereien hält. Sehr leicht hätte aber während der letzten Kataklysmen die
Straße von Gibraltar vorübergehend trocken gelegen haben.
(12) Hierzu
etwa Linus Brunner: „Die gemeinsamen Wurzeln der semitischen und
indogermanischen Sprachen", Bern 1969, besonders aber die beiden Werke des
großen Arnold Wadler: „Der Turm von Babel", 2. Auflage, Wiesbaden 1988,
und: Germanische Urzeit, Basel 1936, Nachdruck Wiesbaden, o.D. (1980).
(13) Uwe
Topper: „Das Erbe der Giganten", Olten/Freiburg 1977.
(14)
Milosz, op.cit., Seite 90.
(15) Elena
Maria Whishaw: „Atlantis in Andalucia", London 1928; Nachdruck
unter dem Titel „Atlantis in Spain", Stelle/Illinois (USA) 1994.
(16)
Gunnar Heinsohn: „Die Sumerer gab es nicht"; Heribert Illig: „Die
veraltete Vorzeit", beide Frankfurt am Main 1988.
(17) Vgl. Horst Friedrich: „Maelstrom of
Confusion", in: STONEWATCH, Vol. 7/Nr. 4, Noank/Connecticut (USA) 1988.
(18) Zur angeblichen Erwähnung Israels auf der
„Israel-Stele" des Pharao Merenptah vgl. Jacques Touchet: „Les oiseaux de
la stele de Merenptah et la lecture »Israel«", in: MÉDITERRANÉA, Nr. 33
(1989). Ähnlich „zerpflückt" hat Touchet die Übersetzung einer
aramäischen Inschrift, die kürzlich durch die Presse ging (WELT am SONNTAG,
28.11.93), in der angeblich dreimal der Name „Israel" und das „Haus
David" vorkommen sollen: Jacques Touchet: „Nouvelle Aubaine", in:
MÉDITERRANÉA, Nr. 52 (1994).
(19) Arias
Montano zufolge war Ophir = Mexiko und Peru (zitiert bei Topper, op.cit., Seite
261).