Die ältesten schriftlichen Texte der Menschheit

Endlich: Entzifferung der Indusschrift

© 1994 Kurt Schildmann, veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 6/1994

Inzwischen hat man in Indien an die zweihundert Fundstätten zur Induskultur aufgedeckt, verteilt über ein immenses Gebiet Nordindiens. Die ersten Kurzinschriften wurden schon vor nahezu einhundert Jahren eingesammelt. Datiert wird diese Kultur, berühmt für ihre vorzüglichen Städtebauleistungen (symmetrische Bauweise, Kanalisation, Bäder) hinsichtlich ihrem Beginn auf -3500 - oder auch weniger alt (-2800). Sie hielt sich über mindestens ein Jahrtausend, wobei die Schrift sich nur minimal wandelte. Vor zwanzig Jahren rückten Russen und Finnen dem Schriftcorpus mit Computern zu Leibe, mit der Theorie, das südindische Dravida wäre vielleicht die Sprache der Induskulturleute, doch es war eine Fehlanzeige.

Indische Gelehrte dachten an Sanskrit bzw. an die Sprache der Veden. Die nun angelaufene Entzifferung bestätigt jetzt diese Vermutung. Damit kann sich die nun abzeichnende neue philologische Disziplin, Epigraphie und Philologie der Induskultur klar abstützen auf die hervorragend dokumentierte heilige Sprache der arischen Inder: Sanskrit mit Vedisch, aber auch auf die Resultate der Indoeuropäistik. Es ist eine nahezu zweihundert Jahre alte Disziplin, die der Däne Rask ins Leben rief, der seinerzeit quasi zu Fuß nach Indien gewandert war.

Die durch die vergleichende IE-Sprachforschung rekonstruierten Vorformen des indischen, griechischen, lateinischen, germanischen, keltischen, slavischen Grundwortbestandes sind, mit ihren Varianten, heutzutage bestens gesichert. Die Zeit, in der sie Gültigkeit hatten, ist außerordentlich lang, was sich nur durch strengste Sprach- und Sprechdisziplin erklärt. Vielleicht gab es aber auch schon vor Jahrtausenden eine phonetische, lies schriftliche Erfassung der Elite-Sprache, denn die Schrift stabilisiert eine Hochkultursprache. Wie wir es am Latein nachprüfen können, so auch am Sanskrit. Die unteren Bevölkerungsschichten betreiben einen kontinuierlichen Sprachzersetzungs- und Sprachverschleißprozess, wie wir ihn gerade heute in Deutschland im Rahmen des Multikulti-Geschehens drastisch erleben. Das profitgierige Fernsehen fördert noch das neue Sprachchaos. Die Vehikulärsprache der Forschung ist davon selbstredend nicht angesprochen.

Weitere Schriftfunde im westlichen IE-Raum (d.i. Irland, Iberien, Atlantische Inseln) sind nicht ausgeschlossen. Das wäre der Kentum-Bereich, der die IE-Sprachen umfasst. Sie behielten das palatale k als k bei, während der Ostbereich besagtes k in ein s verwandelte (Slavisch, Armenisch, Sanskrit = Indo-Arisch, Persisch und Avesta = Iranisch, um nur die wichtigsten zu nennen). Ein Beispiel: IE lautete das Wort für 100: kmtom. Daraus machten die Griechen -katon, Römer: centum, Germanen: hund-, der Osten hingegen Russ. sto (von sato), Sanskrit: satam, Iran: satem etc.

Die Trennung des Ostens vom Westen dürfte um -5000 erfolgt sein, denn die Indusschrift verrät eine hohe, raffinierte und zugleich autochthone Schriftkultur, die eine langfristige Erarbeitung voraussetzt. An Genialität kann diese Schrift kaum überboten werden. Ich präsentiere die Übersichtstafel für Silbenzeichen und Logogramme nach dem Schema, das der Darbietung des Lautstandes des Sanskrit zugrunde liegt. Der Leser kann die Präzision des Zeichenaufbaues nicht übersehen, gültig in zahlreichen Fällen, z. B. ra, ru, ri; pa, pu, pi; etc. Sozusagen in wenigen Stunden kann man das Hauptsächliche erlernen.

Für viele hundert Millionen Inder ist die neue Disziplin eine unendlich wichtige Selbstbestätigung. Verglichen mit dem derzeitigen Zustand im IE-Westen sind sie zu beneiden um dieses hohe Maß an Identitätsförderung: weg vom Multi-Kulti-Brei mit Blickausrichtung auf Dollar und Augenblicksgenuss. Die Ausgrabungsarbeiten in Indien empfangen sicherlich neue Motivation: Längere Texte werden zweifellos noch gefunden werden. Man darf auf ihren Inhalt gespannt sein. Es ist etwas Herrliches, sich am Können und Denken von großartigen Vorfahren zu stärken ...

 

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