Der Beginn der Metallzeit

© Uwe Topper, veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 2/2003

 

Durch die Erfindung des Metallgusses bekam die Entwicklung der Menschheit eine völlig neue Richtung. Dieser hochinteressante Augenblick ist in der Geschichtsschreibung bisher ziemlich vernachlässigt worden. Zwar haben die archäologischen Grabungsergebnisse viele Einzelheiten ans Licht gebracht, doch eine Zusammenfügung steht noch aus.  Erst durch den Gesamtblick kann ein besseres Verständnis für das Werden des Kulturmenschen, besonders unserer eigenen Hochkultur, erzielt werden. Die Verbindung der archäologischen Funde mit den Sagen der antiken Mittelmeervölker sowie unseren eigenen Überlieferungen ergibt ungewöhnliche Einsichten in die Vorgänge, die beim Übergang von der Steinzeit zur Metallzeit in Eurasien stattfanden.

 

 

Abb. 1 Kartenzeichnung: Die erste Horra-Ausbreitung entlang des 50. Breitengrades

Die frühen Festungen

Als Musterbeispiel für den Beginn der Metallzeit kann eine kupferzeitliche Siedlung in Portugal, Zambujal, gelten, die durch portugiesische und deutsche Archäologen vorbildlich ausgegraben und veröffentlicht wurde. Dieser Handelsposten der ersten Metallhändler sieht aus wie jeder andere dieser Zeit im ganzen Mittelmeergebiet. Eine weitreichende Verbindung über das Meer mit ähnlichen Handelszentren ist durch die dort gefundenen Gebrauchsgegenstände nachweisbar. Die Rohstoffe stammten aus ganz Europa, Nordafrika und Westasien. Es scheint, dass die Ausrichtung auf die Seefahrt für die gesamte Kupferzivilisation kennzeichnend ist. Man darf folgern, dass die frühen Schmiede gute Seefahrer waren und auch die politische Herrschaft über das Meer ausübten; sie müssen sich vor feindlichen Flotten oder einzelnen Seeräubern sicher gefühlt haben.

Die Anlage der Festungen auf herausragenden Felsen in Meeresbuchten zeigt, dass man von See her keine Angreifer fürchtete, wohl aber vom Lande her, denn die stärksten Mauerzüge befinden sich auf dem Sattel zum Land, meist in mehrfacher Staffelung. Auch die geniale Anlage des »Zwingers« von Zambujal ist eindeutig gegen den Bergzug gerichtet. Erst in späteren Phasen wurde diese Festungsbauweise unnötig, da der Handel auch Landfrieden bewirkte.

Die Archäologen vergleichen Zambujal mit den sehr ähnlichen Festungen im Nordwesten Afrikas, auf Mittelmeerinseln wie Sardinien (dort heißen sie Nuraghen), Sizilien und vor allem in der griechischen Ägäis. Daraus leiten sie eine Wanderroute her, die von Osten nach Westen verläuft. Nach altbekanntem Muster und gegen Kossinna nimmt man noch immer an, dass die Kulturentstehung in einem Zentrum in Palästina oder Kleinasien lokalisierbar sei. Eine einfache Überlegung stellt das in Frage: Wenn die Kupferleute auch in Griechenland und Palästina so raffinierte Festungen – teilweise sogar mit denselben Bauphasen – errichtet hatten, dann mussten sie sich auch dort vor den Einheimischen schützen. Woher kamen sie also?

 

 

 

Abb. 2: Die Festung Zambujal mit Türmen und Mauerzügen (Portugal) nach Sangmeister und Schubart 1981

 

Wir sollten bei der Suche nach der Heimat der Schmiede umgekehrt vorgehen, als wenn wir die Heimat einer Keramiksorte oder eines Pfeilspitzentyps suchen würden. Nicht dort, wo sie gehäuft auftreten, ist der Ursprung der Burgen, sondern dort, wo die Festungen am stärksten sind, liegt der fernste Außenrand dieser Zivilisation. Sowohl in Portugal als auch in Griechenland liegt ein Außenring dieser seefahrenden Händler, die das Kupfer verbreiteten. Je näher wir der Heimat der Schmiede kommen, desto schwächer müssen die Festungen sein, und in ihrem eigenen Land werden wir keine Festungsbauten finden. Die Verteidigungsarchitektur entwickelte sich erst im Feindesland und zwar um so stärker, je ferner sie vom Ursprung fortzog. Zambujal liegt mit seinen vier aufeinanderfolgenden Verbesserungen wohl am äußersten Rand der Kupferzivilisation in einem hochentwickelten, zunächst friedlichen Gebiet.

 

Abb. 3: Rekonstruktion eines Kuppelgrabes von Los Millares (Spanien)

Horra

In der Steppe, wo die Rossezüchter leben, wurde die Kunst des Bogenkampfes vervollkommnet. Skythen und Numider, Parther und Thraker waren die großen Bogenschützen der Antike, allesamt Steppenvölker, wenn man es ökologisch betrachtet. Die Griechen in ihrem gebirgigen Land und auf den kleinen Inseln hielten nichts davon, sie verdingten Söldner als Bogenschützen. Berühmt waren bei ihnen die Kureten als beste Schützen, die Nachfahren jener Eroberer mit dem Namen KUR (Horr), in Gilden zusammengefasst wie die Rami von Tazerwalt in Marokko heute, mit ihrer Mystik und ihren Versammlungshäusern. Aus den zahlreichen Bezeichnungen der Schützen habe ich den Eigennamen Horra als den häufigsten und sinnvollsten ausgewählt (1977).

Der Pfeil war auch Ausdrucksmittel, er machte Wort und Schrift überflüssig. Wie zum Beispiel das Pfeilaufgebot: Bekam jemand einen Pfeil zugeschickt, dann bedeutete das Krieg und Bitte um Gefolgschaft. Die Übersendung eines zerbrochenen Pfeils war eine Kriegserklärung an den Feind. Und wenn ein Germane seinem Sklaven einen Pfeil zuwarf, war dieser Mensch frei.

 

 

 

Abb. 4: Teil der Befestigungsanlage von Chalandriani (Griechenland)

 

Pfeilgifte waren allgemein verbreitet, dennoch gab es einen Ehrenkodex, der zum Beispiel einem Franken verbot, Pfeilgift gegen Stammesgenossen anzuwenden. Auf der Jagd war Gift erlaubt, bis es im 16. Jahrhundert in Deutschland durch Gesetz geächtet wurde. Das eigentliche Pfeilgift der Frühzeit war das Leichengift aus faulendem Schlangenfleisch und Menschenblut. Die Griechen haben uns das von den Skythen überliefert. Dahinter steckt wohl Erfahrung: Der Jäger, der einen Pfeil wiederverwendete, der schon seit Tagen in einem verwesenden Kadaver gesteckt hatte, wird die giftige Wirkung erstaunt bemerkt haben.

Die Pfeilspitze wurde mit Sorgfalt hergestellt aus Knochen und Horn und vor allem aus dem härtesten Gestein, Feuerstein (und Obsidian). An den über lange Zeit gleichbleibenden Pfeilspitzen kann man besser als an Keramikresten vorgeschichtliche Besiedelungen, Kriege und Wanderungen ablesen. Die Hauptgruppen der Kupfer-Eroberer der Iberischen Halbinsel hatten von Anfang an zwei verschiedene Pfeilspitzen: die von Almería (Spanien) hatten Füße, die vom Tejo (Portugal) waren konkav. Da die »portugiesischen« Pfeilspitzen (ohne Fuß) auch in Almería zu finden sind, kann man annehmen, dass in dieser Richtung eine Verbindung bestand, etwa so, dass die Hersteller der fußlosen Pfeilspitzen beide Siedlungsbereiche versorgten. Diese Pfeilspitzen aus Feuerstein waren sehr billig, deshalb erhielten sie sich noch lange im Metallzeitalter und verwirren die heutigen Wissenschaftler, denn nur die Kupfer- und Bronzepfeilspitzen lassen den Schluss auf Metallzeit zu.

Handel mit Metall

Der Handel, den die Horra erst­mals in dieser kontinentübergreifenden Dimension einführten, wie aus den archäologischen Funden hervorgeht, war auch die zeitbeständigste Einrichtung dieses Großstaates. Das Kobalt, mit dem die ägyptischen Glasbecher gefärbt sind, kam aus Schneeberg im Erzgebirge, Knöpfe und Schmuck aus nordafrikanischen Straußeneierschalen lagen in portugiesischen Gräbern, Reste von Seidenkleidern fand man in Fürstengräbern in Süddeutschland, wie zum Beispiel in Hohmichele bei der Heuneburg im Saulgau: ein Totengewand einer Frau aus Wollrips, das mit chinesischen Seidenfäden bestickt war; die Frau lag neben ihrem Mann unter einem vierrädrigen Wagen. Der Handel verband die äußersten Grenzen des Reiches und bezeugt eine »Pax Hurritica«, die mit militärischer Macht durchgesetzt worden sein muss. Bei reinem Seehandel wäre eine allgemein friedliche Einstellung der Küstenbewohner – keine Selbstverständlichkeit, wenn man an spätere griechische Zustände denkt – ausreichend gewesen, beim Transport von Waren über große Landflächen kann nur ein strenges Gesetz mit den dazu nötigen Überwachungsmaßnahmen den Landfrieden garantiert haben. Dazu gehören Straßen, Ketten von Nachrichtentürmen, Kennzeichen (Siegel, Plaketten) und militärischer Schutz.

 

Abb. 5: Das bronzezeitliche Heiligtum von Rujum Heiri  auf den Golanhöhen (Israel). Links: Grundriss, rechts: Rekonstruktion

 

Die horrische Metall-Zivilisation von China bis Ägypten und von Skandinavien bis zur Sahara schuf eine Hochkultur, die innerhalb von ein oder zwei Generationen das kulturelle Aussehen der Menschheit völlig neu geprägt hat. Sie ist die Grundlage unserer gesamten heutigen Weltzivilisation.

Der Handel mit Rohstoffen und das damit verbundene Maßsystem, die daraus sich entwickelnde Geldwirtschaft und ein allgemeingültiges Gesetzeswerk sind die frühesten Anzeichen für die kontinentüberspannende Friedensphase der ersten Metallzeit. Die ungewöhnlich schnelle Ausbreitung dieser Zivilisation müsste friedlich vor sich gegangen sein, denn Handel erfordert ein friedliches Miteinander. Am wichtigsten trug das Kupfer dazu bei, das in Andalusien, im Erzgebirge, im Kaukasus und auf Zypern abgebaut und mit Zinn zu Bronze verarbeitet wurde. Diese wurde in genormten Gewichtsmaßen und Mischungsverhältnissen gegossen und stieg damit zum Tauschmittel erster Güte auf, das bald alle Völker Eurasiens akzeptierten.

Durch die Entdeckung des Metallgusses wurde der Schmied zum ers­ten selbständigen Berufsstand. Wer Erz grub, schmolz und verarbeitete, hatte keine Zeit mehr zum Pflügen und Ernten, Jagen und Fischen. Er ließ sich von den anderen Stammesleuten mit Lebensmitteln versorgen. Die Erzeugnisse seiner Hände hatten ja auch überragende Bedeutung: als Waffen und Werkzeuge ermöglichten sie militärische und wirtschaftliche Überlegenheit. Der Handel, der auf diese Weise entstand, war bald kein reiner Tauschhandel mehr, denn was immer der Schmied sich für seine Produkte kaufen wollte, Nahrung und Felle, Feuerholz und Arbeitskraft, konnte er mit einer geschätzten Gegengabe begleichen, mit Bronzeäxten, die dadurch schon bald zur festen Währung wurden. Bei allen Ausgrabungen fand man die genormten Bronzeäxte, von gleicher Gestalt und gleichem Gewicht. Sie waren überregional wertbeständig und wurden sogar gehortet, denn sie hatten zeitlos Bestand.

 

     

 

 Abb. 6 (links): Ziegenfigur aus Eichenholz aus Schmiden (bei Stuttgart) 87 cm hoch.  Abb. 7 (rechts):  Schieferplakette aus Granja Cespedes (Spanien)

 

Wein und Bier

Eigenartigerweise ist die Geschichte des Weines, eines so wichtigen Kulturgutes der heutigen zivilisierten Welt, nur in Andeutungen geschrieben. Die gängigen Enzyklopädien bringen widersprüchliche und völlig antiquierte Angaben.

Soviel ist aus Beiträgen von Archäologen und Spezialisten herauszuschälen: Die Ursprungsform des kultivierten Weinstocks wuchs zuerst im nordiranischen Gebiet, in dem Streifen südlich des Kaspischen Meeres bis nach Afghanistan. Zwischen der heute weitverbreiteten Wildform der Weinrebe und der kultivierten Form besteht allerdings ein wichtiger Unterschied: Die wilde Vitis silvestris (spontanea) hat kleine Früchte, die aus eingeschlechtlichen Blüten entstehen, die kultivierte Vitis vinifera sativa hat große Beeren von hermaphroditischen Blüten. Wie aus der einen Form die andere gezüchtet werden konnte, bleibt ein Rätsel.

Allgemein sind die orientalischen Schriftsteller der Ansicht, dass der Wein aus Armenien oder östlich davon eingeführt wurde. Man weiß jedenfalls, dass der Wein in Ägypten vor Gründung des Alten Reiches fremd war und aus Asien stammte, nicht aus Äthiopien, wo es verwilderte Kulturreben gibt. Man kelterte den Wein wohl immer in der Art, wie es einfache Weinbauern bis heute tun: mit den Füßen in Stein- oder Holztrögen. Den Trester presste man in Säcken aus, indem mehrere Männer zwei Holzstangen drehten. Dieser altägyptische Wein, stets Rotwein, wurde in Amphoren abgefüllt.

Mit anderen Worten: Wir haben hier schon die völlig entwickelte Weinkultur, wie sie von Portugal bis zum Hindukusch bis heute beibehalten blieb. Während bei den Bauern um Porto oder bei den Kalasch im Hindukusch (dort zumindest bei kultischen Feiern wie Totenfest oder Weihnachten) alle gemeinsam Wein trinken, auch Frauen und Kinder, war bei den Ägyptern dieser Genuss nur den Adligen und Priestern vorbehalten. (Das einfache Volk trank nur Bier.) Auch diese Einstellung weist auf ›Importware‹ hin.

 

 

Abb. 8: Schildkrötenpanzer mit chinesischen Orakelzeichen (nach Lindqvist 1990)

 

Ob die frühen Kupferleute schon Bier getrunken haben?

Getreide wurde damals in großen Mengen angebaut, vor allem Gerste und Weizen. Aber das Brot, von dem man hin und wieder Reste fand, ließ doch sehr zu wünschen übrig. Das verwendete Mehl war schlecht gemahlen und noch schlechter gesiebt, voller Unreinheit, vor allem Sand. Das lässt ahnen, dass man auf Brot noch keinen allzu großen Wert legte. In Zambujal fand man auch Brei aus zerstoßenem Getreide, Bier fand man verständlicherweise nicht. In den Glockenbechern war nichts übriggeblieben. Auch »nichts« ist eine Aussage. Nur eine Flüssigkeit vertrocknet ganz.

Übrigens wurde kürzlich durch sehr verfeinerte Untersuchungsmethoden herausgefunden, dass in manchen Glockenbechern verschiedene Pollen erhalten blieben, die darauf hinweisen, dass das Bier mit Kräutern versetzt war.

Die Glockenbecher wurden zwar in einem sehr großen Gebiet gefunden, insgesamt jedoch in begrenzter Zahl und nur an bestimmten Orten. Es handelte sich also nicht um eine »allgemeine Mode«, sondern um etwas Besonderes, ein Kennzeichen. In Zambujal machen die Glockenbecher nur 0,8 % aller untersuchten Scherben aus, immerhin noch 160 000 Stück. Man fand sie auch nur in bestimmten Schichten, vor allem in Schicht 4, und nur in den innersten Gebäuden der Siedlung, hauptsächlich im Zwinger, sowie in den Gräbern.

Das alles deutet darauf hin, dass die Elite, eben die Schmiedekaste, Bier trank. Wer ständig am Feuer arbeitet wie der Schmied an der Esse, schwitzt und hat immer Durst. Und wer obendrein noch giftige Metalldünste einatmet, muss durch starke Flüssigkeitsaufnahme den Verlust wettmachen und die Nieren reinigen. Wasser hilft da nur begrenzt. Bier ist das ideale Getränk für diesen Schwerarbeiter. Im Ruhrgebiet wird mehr Bier getrunken als irgendwo sonst.

 

 

 Abb. 9: Felsmalereien in der Cueva Laja Alta, Cádiz (Spanien) (nach Topper, U. u. U.)

Erkennungszeichen

Seltsame Amulette, nämlich flache Täfelchen aus Schiefer geschnitten und mit Ritzungen versehen, gehören zum wichtigen Fundinventar der frühen Metallsiedlungen im Westen der Iberischen Halbinsel. Generell werden sie den Glockenbecherleuten zugerechnet, die wegen ihrer glockenbecherförmigen Keramik so genannt werden. Das engere Fundgebiet der Schiefertafeln reicht in Portugal vom Tejo bis zum Guadiana, darüber hinaus gibt es Parallelen in Almeria (Spanien) und in Frankreich (bei Châlon-sur-Saône und im Hérault); in etwas abgewandelter Gestalt und aus anderem Material sind sie von der Sahara über die griechischen Inseln bis Zypern und im Orient anzutreffen.

Eine Auswertung der vielen tausend Schiefertäfelchen in portugiesischen Museen und der dazugehörigen Literatur ergibt, dass sie mit den fast weltweit verbreiteten Holzstelen auf Gräbern gewisse Ähnlichkeit haben, etwa in dem Sinne, dass man sie zum selben geistig-ästhetischen Umfeld rechnen sollte. Generell sind die Schiefertafeln kleiner als eine Hand, auf der Vorderseite meist schön glatt und mit Ritzlinien verziert, auf der Rückseite gewölbt und selten geritzt. Viele sind am oberen Ende einmal durchbohrt, seltener zweimal, was man als Augen auffassen könnte. Die Deutung als Augen oder Menschengestalt geschieht  eher zu Unrecht, eigentlich sind die Täfelchen abstrakt. Die Bohrung ist übrigens im Querschnitt V-förmig, wie bei den Kleiderknöpfen dieser Kulturgruppe, die ebenfalls als archäologisches Erkennungszeichen der frühen Metallhändler gelten.

Was die Schiefertafeln eigentlich bedeuteten, ist bisher nicht herausgefunden worden. Da sie kaum Abnützungsspuren zeigen, nimmt man nicht an, dass sie wie Schmuck getragen wurden. Ob es die ersten Ausweise zur Person waren, eine Art Kennkarte, die die Zugehörigkeit zur Elite, den Schmieden, anzeigte?

 

 

 

Abb. 10: Kuppelbauten von Les Bories (Frankreich)

Haustiere: Pferd und Ziege

In unserer Schulgeschichtsschreibung ist die Zähmung des Pferdes direkt an die Entstehung der »Indogermanen« geknüpft. Die ersten Pferdehalter und die »Ur-Indogermanen« werden als identisch betrachtet. Da uns dieses Thema fast »persönlich« betrifft – schließlich ist die europäische die höchstentwickelte Pferdekultur gewesen – wurde an unseren Hochschulen viel dazu geforscht und geschrieben. Gemeinhin wird das Thema als gelöst abgehakt. Wenn auch die grundlegenden Fakten und die meisten Details bekannt sind, wurde doch wie in vielen anderen Wissensbereichen nie eine zusammenfassende Synthese dargestellt. Man hat geforscht und lässt den Überblick, der das Forschen erst belohnt, ausfallen.

Wann und wo ist das Pferd zuerst gezähmt worden?

Wenn man davon absieht, dass der eurasische Raum enorm groß ist, dann lässt sich das Problem zumin­dest örtlich einkreisen: Irgendwo zwischen Donau und Altai wurde das Hauspferd gezüchtet. Wilde Pferde jagte man schon in der sogenannten Altsteinzeit im gesamten Gebiet zwischen China und Iberien, wie die zahlreichen Knochenfunde belegen; aber die Zähmung gelang erst sehr spät, denn der Fluchtreflex und das Freiheitsbedürfnis sind beim Pferd viel stärker ausgeprägt als bei Auerochs oder Rentier. Nur ganz allmählich ging das Jagen des Pferdes in ein Hüten und Hegen der Herde über, wobei der Mensch durch geschickte Auswahl den Fortbestand der besten Tiere sicherte. Im jahreszeitlichen Wechsel folgte der Pferdehüter den Herden und wurde zum Lebensgenossen und schließlich zum Herrn der Pferde.

Der Anfang der Ausbreitung des gezähmten Pferdes liegt zeitgleich mit der Ausbreitung des Kupfergusses, beides ging plötzlich im selben Augenblick vor sich, wenn wir ein bis zwei Generationen als einen Augenblick in geschichtlicher Sicht ansehen wollen. Wie eine große Wellenbewegung setzte sich diese Neuerung über ganz Europa durch, von Tripolje in der Ukraine bis Zambujal in Portugal. Man gibt nach alter Chronologie die Jahreszahlen 2300 bis 2200 v.Ztr. an, wobei die östlichen Fundorte meist ein geringfügig älteres Datum als die westlichen tragen. Neben Podolien werden manchmal auch Armenien und sogar Mesopotamien (»Sumer«) als Ursprungsländer dieser Pferde-Metallkultur genannt. Wenn dies für Armenien noch nahe liegt, da es vermutlich das erste Kolonisationsgebiet der Pferdehalter war, ist es für »Sumer« unwahrscheinlich. Als nächste Verwandte des »Sumerischen« gelten die altaischen Sprachen, die nördlich des Kaukasus und des Kophet-Gebirges gesprochen wurden, also im »Pferde-Gürtel«.

In allen archäologischen Ausgrabungen werden Ziegenknochen im Zusammenhang mit der frühen Metallkultur gefunden. Ziege und Schmied gehören zusammen.

1882 wurden in Europa noch rund 20 Millionen Ziegen gehalten, heute gibt es sie nur noch hier und da in vergessenen Gebirgsgegenden. So können wir uns keine rechte Vorstellung von der einstigen großen Bedeutung dieses vielleicht ältesten Haustiers der Menschheit machen. Als Wildform wird die Bezoarziege (Capra aegagrus) angesehen (nach F. Zeuner), deren Verbreitungsgebiet von Kreta über Anatolien und den Iran bis zum Industal reicht. Als Zentrum kann das Kophetgebirge am Nordrand des Iran gelten. Dort lebt auch eine zweite Wildziegenart, der Markhor (Capra falconeri), die möglicherweise ebenfalls Grundstock einiger Hausziegenrassen war, eben jener Variante in Turkestan und dem Dardengebiet, die fast senkrechte Hörner aufweist.

Kaum später als die Ziege ist das andere »Bergtier«, das Schaf, gezähmt worden. In Europa hat es in geschichtlicher Zeit eine größere Rolle gespielt als die Ziege, obgleich es nicht so ertragreich ist und hinsichtlich der Weide anspruchsvoller. Er­fahrungsgemäß ist es leichter zu hüten. Auch das Schaf gehört unmittelbar zur Wirtschaftsform der frühen Schmiede.

Wir haben für beide »Bergtiere« (Ziege und Schaf) etwa denselben Bereich, von Ostanatolien bis zum Indus und nach Zentralasien mit Schwerpunkt des Nordirans im Auge, als Zeitpunkt ebenfalls in beiden Fällen das sogenannte Mesolithikum. In geschichtlicher Zeit wurden in der Regel Ziegen und Schafe nebeneinander gehalten; beide Tiere ergänzen sich, besonders die Verwendung von Ziegenhaar und Schafwolle gemischt ergibt ein wasserdichtes Gewebe, sehr geeignet zur Herstellung der großen Nomadenzelte. In klassischen chinesischen Texten ist noch kein unterscheidendes Wort für Schaf oder Ziege vorhanden, beide heißen einfach »Bergtier«, was ebenfalls auf die enge Verflechtung hinweist.

Zum Ziegenhirten gehören Lanze und Schild. Die Lanze wird zum Hirtenstab stilisiert und dieser zum mystischen Sinnbild des Ziegenhirten an sich. Der Stab des Schafhirten, eingerollt wie ein Heidschnuckgehörn, gilt noch heute den katholischen Bischöfen als Erkennungszeichen ihres Hirtenamtes.

Der Schild wurde zur Eigentumsmarke entwickelt und auf Felswänden vom Kaschmir bis zum Hohen Atlas in unzähligen Bildern verewigt. Man stellte den Schild aus dem Fell der Ziege her, griechisch skutos = Schild ist noch verwandt mit lat. cutis = Haut. Die ältesten Märchen von »Ziegenmenschen« weisen in die Gebirge zwischen Iran und Pamir, zum Berg Maschu (Gilgamesch).

Aus den Zeichen der Ziegenhirten entstanden die ersten genormten Schriftzeichen, die von allen verstanden wurden. In der frühen chinesischen Schrift sind sie am reinsten erhalten. Von dort her lassen sich die Piktogramme vom Hindukusch bis zu den Kanarischen Inseln deuten, ja in manchen Fällen sogar lesen.

 

 

 

 

Abb. 11 (oben): Glockenbecher aus einem norddeutschen Grab (Museum f. Vor- u. Frühgeschichte, Berlin). Abb. 12 (unten): Ziegendarstellungen auf einem Krug (Museum f. Vor- u. Frühgeschichte, Berlin)

 

Sprachentwicklung

Nachdem die Horra den Kaukasus überquert und den Orient vom Zweistromland bis zum Mittelmeer erobert hatten, setzten sie eine neue Hauptstadt in der Gegend des Ararat fest. Von dort aus lenkten sie die neuen Gebiete. Als Verwaltungssprache wurde zunächst Hurrisch verwendet, später Akkadisch. Zur militärischen Machterhaltung wurden viele Hilfsvölker eingespannt, wobei sich herausstellte, dass die Kaukasusvölker bestens dazu geeignet waren. Diese Ar-meni (Arier-Männer, Gebirgsleute) wurden zu einer Kriegerkaste zusammengeschweißt und in die Zentren der Verwaltung, die großen Städte, abkommandiert. Sie waren die ersten Soldaten im eigentlichen Sinne, Berufskrieger. Ihre Sprache hat sich in den Gebieten, die sie im Horra-Auftrag beherrschten, noch lange gehalten, eine Art Armenisch oder »Indogermanisch«, tatsächlich eine Koine, wie es alle Verwaltungs- oder Heeressprachen sind, ein »Urdu« (d.h. Ordnung, Heer).

Als bestes Beispiel seien die Mitanni erwähnt, bei denen der arische Anteil an Personen- und Götternamen innerhalb der hurritischen Verwaltungssprache stark auffällt. Man denkt sogleich an ein fremdes Vasallenvolk, das im Namen des Groß-Chans die Unterworfenen verwaltete.

Eine entsprechende Entwicklung haben wir bei den Hethitern vor uns, die über die (heute) sogenannten Hatti eingesetzt wurden und ihre neue Sprache einführten. Für Mitteleuropa gäbe es ähnliche Beispiele, leider nicht durch Texte belegt, nur aus Orts- und Flussnamen erschließbar.

Bei der Überlagerung der einzelnen Gebiete durch arische Krieger entstanden verschiedene Dialekte dieser Koine, deren Grundelemente doch immer gleich sind. Sie hatten sich einerseits aus denselben Vorformen zusammengesetzt, andererseits durch Handel und übergreifende politische Aktionen immer wieder einander angeglichen. Das ist es, was Sprachwissenschaftler als »Protoindogermanisch« bezeichnen. Die zugrundeliegende horrische Sprache ist mit dem textlich erfassbaren Hurrisch oder Hurritisch zwar verwandt, aber eben doch nicht ganz dieselbe.

 

 

Abb. 13: Bronzehelm (Museum f. Vor- u. Frühgeschichte, Berlin)

Einheitliche Weltanschauung

Die von den Horra verbreitete Weltanschauung ist archäologisch kaum fassbar, es sei denn durch Auflistung der fehlenden Elemente, die in anderen Kulturen als religiöse Artefakte registriert werden. Statt der zu erwartenden Tempelbauten errichteten sie nur vergängliche Kultzelte, statt der sonst üblichen Idole haben wir Anzeichen von Bildlosigkeit. Vielleicht ein Jahrhundert lang wurde dieser religionsverleugnende Zustand auch bei den Unterworfenen per Gesetz erzwungen, dann merkt man an den schrittweise wieder auftretenden gewohnten Kultgegenständen, dass dieses Gesetz unterhöhlt, durchlöchert und umgangen wurde. Nur als hin und wieder durchbrechende Seitenlinie hat sich der bildlose Hochgottglaube der Horra in späterer Zeit manifestieren können: in den jüdischen Prophetenschriften zum Beispiel oder in Buddhas Predigten.

Die ursprüngliche Religion der Horra, soweit sie sich indirekt erschließen lässt, kann als Schamanismus bezeichnet werden. Die Verehrung war gottlos und den vielgestaltigen Geistern gewidmet; Alchemie und Medizin nahmen hier ihren Ausgangspunkt.

Wie stark die Schamanin (oder Hexe) mit dem Ziegenbock verbunden ist, bleibt uns ja bis heute bei der Blocksbergsage im Gedächtnis. Auf Rollsiegeln der Induskultur und des Zweistromlandes taucht dieses Bild schon auf: »Göttin« steht neben Ziegenbock. Auch in Deutschland gibt es einen Fund, der auf eine solche Gruppierung hindeutet; die hölzerne Ziegenfigur wurde in einem Ort namens Schmiden in Schwaben gefunden.

Zum Wesen der Horra-Religion gehört in erster Linie der Ziegenkult und seine esoterische Mystik, die weit über das Maß zweckdienlicher Hirtenkulte hinausgeht. Ihre Endpunkte sind so bedeutungsvoll wie der Dionysos-Kult und die Kreuzigung Christi, ihre Ideen leben hartnäckig fort in Karnevalsbräuchen und Ordensregeln. Die Verinnerlichung der bei den Männerbünden auf der Hochalm entwickelten Mysterien mit ihrer Geheimsprache, Befehlsordnung und Reinheitsvorschriften entspricht der pietistischen Frömmigkeit einer Sekte oder Brüdergemeine; ihre im Wacholderrauch geschauten Visionen sind die Urbilder prophetischer Verkündigung.

Es ist erstaunlich, wie viele Elemente der Ziegenhirtenmystik in den klassischen Kulten und selbst im Christentum, sogar in der Traumanalyse, noch vorhanden sind. Steht das in einem Verhältnis zur wirtschaftlichen Macht jener Berufsgruppe? Oder ist es nicht vielmehr der Ausdruck einer frühgeschichtlichen Religion, die ihre grundlegenden Gedanken ausgebreitet hat?

 

 

 

Abb. 14 (links): Tüllenbeile aus Bronze (Museum f. Vor- u. Frühgeschichte, Berlin)

Abb. 15 (rechts): Genormte Bronzebeile als Währung (Museum f. Vor- u. Frühgeschichte, Berlin)

Technikgeschichte

Durch die Untersuchung gewisser technischer Errungenschaften konnte man darauf kommen, dass die Hyksos-Herren Ägyptens und die frühen Schmiede Eurasiens mit den Pyramidenbauern des Alten Reiches identisch sein müssen. Es gibt nämlich erst seit der Hyksos-Zeit mathematische Aufzeichnungen im Niltal, und ohne dieses Handwerkszeug kann man keine Großbauten wie die Pyramiden errichten, so wenig wie man Diorit oder Malachit ohne Stahl bearbeiten kann. Für Ägypten gilt auch, dass dort die Frauen eine ganz herausragende Rolle spielten, was gewiss nichts mit den arischen (in diesem Falle persischen) Eroberungen zu tun hat, sondern echt horrisch ist.

Auf John Dayton aufbauend haben Heinsohn und Illig die Glasherstellung in Ägypten geprüft. Glas, vor allem das mit Kobalt blaugefärbte, ist eine Errungenschaft der Hyksos und tritt »gleichzeitig« in Mykene, Nuzi, an der Phönikerküste und im Hallstatt-Europa auf. Kobalt kommt nur an wenigen Orten der Alten Welt vor, etwa in Anarak im Iran, in Marokko und in Schneeberg im Erzgebirge. Das für die Glasfärbung in der Antike verwendete Kobalt lässt sich auf Grund seiner Beimengungen ganz sicher ins Erzgebirge zurückverfolgen, wo es als Abfallprodukt bei der Silberschmelze auftrat. Wo immer wir nun die blauen Glasperlen antreffen – in Amarna am Nil oder in Bet Schean in Israel, im Zweistromland oder am Nordrand der Alpen – müssen wir den zeitlichen und kulturellen Zusammenhang erkennen, der hier als Horra-Herrschaft bezeichnet wird. Gerade Böhmen und das Erzgebirge war ja Domäne der Glockenbecherleute. Und die ersten, stets kobaltblauen Glasflaschen wurden nicht geblasen, sondern in einem Gussverfahren hergestellt, das eine Nachahmung des Metallgusses war.

In ihrem ersten Buch (1955) hatte Sigrid Hunke grundlegend neue Gedanken über die Hurriter entwickelt, die auf die archäologischen Funde aus Anatolien aufbauten. Die Erforschung dieser Kulturgruppe war seitdem nur vereinzelt weitergeführt worden. Der Autor hat die Horra erneut in den Mittelpunkt der Überlegungen zur frühen Metallzeit gestellt (erstmals 1977). Durch sein eben erschienenes Buch hat er nun eine Gesamtschau aufgezeigt, die auch zu weiteren Forschungen führen dürfte. Die darin vorgestellten Gedanken geben Anstoß zu einer neuartigen Erkundung der Frühzeit, etwa im Sinne von Spenglers Nachlass-Notizen, die bisher immer noch zuwenig beachtet wurden.

Literatur

Blöss, C. und Niemitz, H.-U. (1997): C14-Crash. Das Ende der Illusion, mit C14 und Dendrochronologie datieren zu können (Gräfelfing)

Heinsohn, Gunnar (1984): Privateigentum, Patriarchat, Geldwirtschaft (Frankfurt/M.)

Heinsohn, G. und Illig, H. (1990):  Wann lebten die Pharaonen? (Frankfurt/M)

Heyerdahl, Thor (1978): Wege übers Meer. Völkerwanderungen in der Frühzeit (München)

Hunke, Sigrid (1955): Am Anfang waren Mann und Frau (2.Aufl. Bonn, 1980)

Lindqvist, Cecilia (1990): Eine Welt aus Zeichen (München)

Sangmeister, Edward (1995): Zambujal. Kupferfunde (Madrider Beiträge 5, Teil 3; Mainz)

Sangmeister, Edward u. Schubart, Hermanfrid (1981): Zambujal, die Grabungen von 1964-1973 (Madrider Beiträge Bd. 5, Mainz)

Schildman, Kurt (1994): »Die Indusschrift entziffert!« in: Efodon-Synesis Nr.5 (Wessobrunn)

Spengler, Oswald (1966): Frühzeit der Weltgeschichte (postum, München)

Topper, Uwe : (1977): Das Erbe der Giganten (Olten)

    (1977 b): Beobachtungen zur Kultur der Kalasch  in: Zeitschrift für Ethnologie Bd. 102, 216-296 (Braunschweig)

Topper, Uwe u. Uta (1988): Arte rupestre en la provincia de Cádiz (Cá­diz/Spanien)

Zarnack, Wolfram (1999): Das alteuropäische Heidentum als Mutter des Christentums (Efodon e.V., Hohenpeißenberg)

Alle Fotos: Uwe Topper

Uwe Topper

horra - Die ersten Europäer

Die Entstehung der Metallzeit in neuer Sicht

Grabert-Verlag, Tübungen 2003

ISBN 3–87847–202–1

 


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