Avebury — Das größere Stonehenge

© Karlheinz Baumgartl; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 13/1996

Avebury ist der größte bekannte Steinkreis der Erde. Er befindet sich etwa hundert Kilometer westlich von London und etwa dreißig Kilometer nördlich von Stonehenge. Dieser Steinkreis, und das noch größere kreisförmige Erdwerk (Wall), stehen auf einem Festplatz von etwa fünfzehn Hektar. Avebury ist nur ein Teil eines noch viel größeren Komplexes, der uns die herausragende Bedeutung ahnen lässt. Viele Engländer schätzen Avebury als die schönste und interessanteste Kultstätte Englands, interessanter also auch als das vielbesuchte Stonehenge.

Avebury steht zu Unrecht im Schatten von Stonehenge. Ich möchte hier aufzeigen, dass Avebury ein Teil eines viel größeren Komplexes mit Stonehenge zusammen dargestellt hat, eine Betrachtungsweise, die in Vergessenheit geraten ist.

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Das Alter von Avebury wird auf über 4.000 Jahre (1) geschätzt [3]. Das entspricht dem Alter von Stonehenge III, der dortigen Endfassung mit dem eindrucksvollen Steinkreis. Der kreisförmige Wall von etwa acht Metern Höhe umschließt den Steinkreis und hat einen Umfang von eineinhalb Kilometern. Der Wall - heute vergrast - besteht aus Kreide. Man bedenke die Schönheit der Anlage: im Innern das Heiligtum, der Steinkreis, und außerhalb der weiße, kreisförmige Wall aus Kreide. Mit dem Wall wurden auch die vielen Lichter der Freudenfeuer von draußen ausgeblendet, die zu den Festtagen gezündet wurden. Nur aus großer Höhe kann man über die riesige Anlage einen Gesamteindruck erhalten. Man muss sich fragen, warum die Menschen damals neben Stonehenge noch die viel größere Anlage von Avebury gebaut haben? Stonehenge war - wie wir heute wissen (2) - der Sonne-Mond-Kalender, also die vollkommene Zeitmessanlage. Was sollte dann ganz in der Nähe Avebury in diesem Entwurf?

Grundriss von Avebury

Erstmals geschichtlich erwähnt wird dieser Steinkreis im 14. Jahrhundert, eine erste wissenschaftliche Begutachtung erfolgte im Jahre 1648 durch den Archäologen John Aubrey: »Avebury übertrifft Stonehenge an Größe wie eine Kathedrale eine gewöhnliche Pfarrkirche.« Die Steine sind unbeschlagen. Die größten haben ein Gewicht von fünfzig bis sechzig Tonnen. Einige besondere Steine haben Namen, die aber erst in neuerer Zeit gegeben wurden, also für die Deutung der Anlage unbedeutend sind. Die Steine der Prozessionswege werden von einigen Forschern auch als Sinnbilder des Männlichen und Weiblichen verstanden, somit also die Darstellung der Gegensätze (Polarität), aus denen das Leben entsteht. Herman Wirth, Hermann Dörr, Karlheinz Deschner u.a. beschreiben den damaligen Fruchtbarkeits- und Mutterkult, die Verehrung des Weiblichen. Tatsächlich sind die ältesten Darstellungen von Künstlern Frauengestalten. Die ältesten Darstellungen stammen aus der Altsteinzeit (ca. 26.000 Jahre alt). Aus Freude am Leben und aus der Dankbarkeit gestalteten diese Menschen in verschiedener Weise die Verehrung der Fruchtbarkeit und der Erdenmutter und das Weibliche in der Natur im Menschen. »Nirgendwo finden wir den Gedanken vom Heiligtum der Frau als Trägerin künftiger Geschlechter, als die Quelle der Erhaltung des Lebens auf der Erde, so klar wie im germanischen Volksbewusstsein« (Walter Sommer) (3). Der heutige Marienkult im ganzen Land einschließlich dem Kult um die Schwarzen Madonnen (Altötting, Czenstochau, Montserrat u.a.) ist eine Folge des heidnischen Brauchtums [6].

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Nach Rolf Müller gab es einmal in Europa über tausend Steinkreise, von denen heute noch etwa hundert nachweisbar sind, alle aber mehr oder weniger zerstört. Römische Männerbünde hatten sich zum Ziel gesetzt, ganz Europa zu missionieren, und wer Europa beherrschte, der hatte die Weltmacht. Und um die ging es. Mit dem aufkommenden Christentum und dem sich aus dem Mittelmeerraum entwickelnden Kapitalismus wurden die alten Strukturen beseitigt, wurden die alten Sternwarten und Sonnenheiligtümer zerstört. Auf den Konzilien (z.B. Arles 452, Nantes 658) wurden Anweisungen gegeben zur Zerstörung der heidnischen Kultur, die später Karl der sogenannte Große weiterführte (Edikt von Nantes 789). Die alte Sonnenkultur musste einer neuen Weltordnung weichen.

Die systematische Zerstörung von Avebury erfolgte im 14. bis 18. Jahrhundert. Diese vollzog sich im religiösen Ritual. Die Steine wurden als »Teufelswerk« entweder mit Feuer und Wasser gesprengt oder in tiefe Löcher »begraben« und auf diese Weise beseitigt. Das Vorgehen war barbarisch. William Stukeley berichtete darüber in seinem Buch »Abury« und überlieferte viele Zeichnungen.

Alexander Keiller, bekannt als Hersteller von Apfelsinenmarmelade, erwarb dann vor etwa hundert Jahren das »Manor-house«, das Herrschaftshaus mit Grund. Seine Liebhaberei war die Archäologie. Zwischen 1925 und 1939 wurde der westliche Teil des Hauptkreises ausgegraben und erforscht. Mehr als 40 Steine wurden geborgen und wieder aufgestellt. Wo Steine fehlten, setzte Keiller Betonpfosten. Er gründete auch das inzwischen nach ihm benannte Museum. 1942 erwarb der British National Trust die Anlage.

Rekonstruktion von Avebury

Rekonstruktion von Avebury

Inzwischen ist ein kleines Dorf mit gleichem Namen dort entstanden. Die Landstraße A 361 nach Swindon führt mitten durch den großen Steinkreis. Zwei Kirchen, eine Schule, ein Restaurant für Touristen und das Museum gehören zu dem Dorf Avebury.

Nach den Ausgrabungen von A. Keiller erfolgte die Vermessung durch A. Thom, A. Prain und Miss E. M. Pickard. Der Durchmesser des großen Steinkreises beträgt etwa 330 Meter, der Umfang 1.036 Meter. Die vier Eingänge zur Anlage dürften dem Originalkonzept entsprechen. Auf den ersten Blick wirkt der große Avebury-Ring wie ein schlecht gezogener Kreis. Die Geometrie wurde entschlüsselt. Die Übereinstimmung mit der sehr genauen Vermessung führte zu der Erkenntnis, dass der große Ring das Ergebnis einer absichtlichen Konstruktion ist. - Es gibt reine Kreisanlagen, Flachkreise, eiförmige Ringe, Ellipsen und - wie bei Avebury - Mischkonstruktionen.

Avebury ist eine Sonderkonstruktion. Die Basis ist ein rechtwinkliges Dreieck, dessen Seiten ein pythagoreisches Dreieck mit den Seitenlängen von 75, 100 und 125 megalithischen Ellen bilden. Die Kreiskonstruktion wird durch flache Bögen gebildet, die zum Dreieck oder zu den Mittelpunkten der Innenkreise in Beziehung stehen. Diese Radien erzeugen im Westbereich sechs Bögen. Es fehlt die Erforschung des Ostbereichs.

Mathematik und Geometrie in der Landschaft. Das größte Schulbuch der Erde. Über das megalithische Einheitsmaß von 82,9 cm hat Rolf Müller geschrieben. Landvermessung und Mathematik waren den alten Europäern eigen. Die Bemühung der Konstrukteure von Avebury war, ganzzahlige Verhältnisse von Durchmesser zum Umfang des Kreises zu erhalten.

Die Zahl der Steine im großen Kreis wird mit 98 bis 100 angegeben, die Anzahl der Steine in den beiden Innenkreisen mit »je ungefähr 30«, an anderer Stelle mit 27 (im Nordkreis, Durchmesser 98 Meter) und 29 (im Südkreis, Durchmesser 104 Meter). Im Hinblick auf die astronomische Bedeutung von Steinsetzungen im allgemeinen und Stonehenge im besonderen stellt sich die Frage nach dem Sinn dieser Zahlen. Innerhalb einer Fehlergrenze ergeben sich Möglichkeiten der Deutung. Wo ergibt sich ein astronomischer Sinn?

Die beiden Innenkreise bestanden sehr wahrscheinlich aus 29 und 30 Steinen. Denn dann hätte man abwechselnd die Tage eines Monats zählen können, einmal 29 Tage und einmal 30, so dass man im Schnitt auf 29,5 Tage eines Monats kam und somit auf den synodischen Umlauf des Mondes. Die beiden Innenkreise wären demnach Mondkreise. Bei dem großen Steinkreis deutet die Zahl von 99 Steinen auf 99 Mondumläufe, die sich innerhalb von 8 Sonnenjahren und innerhalb von 13 Venusjahren vollziehen:

Das ist eine auffallende Übereinstimmung! Offensichtlich wurden Mond und Venus in Avebury beobachtet und verehrt. Alle acht Jahre überholt die Venus die Erde fünfmal, weil sie näher bei der Sonne steht und sich deshalb schneller bewegt. Alle 584 Tage kommt also die Venus in Erdnähe und somit in besonders gute Sichtbarkeit. Diese Zeiten wurden wohl zu besonderen Festlichkeiten: Mond und Venus: Sinnbilder der Fruchtbarkeit und des Weiblichen. Das war offensichtlich die Unterscheidung zu Stonehenge. Was wurde denn in Stonehenge verehrt?

Stonehenge war - wie bekannt (4) - ein Sonne-Mond-Kalender, also auch dort wurde der Mond beachtet, allerdings nur im Zusammenhang mit der Kalenderordnung, Sonne und Mond in Übereinstimmung zu bringen. Aber Stonehenge insgesamt ist ausgerichtet auf den Aufgangspunkt der Sonne am 21. Juni, also dem Aufgangspunkt der Sommersonne. Das ist die Achse von Stonehenge. Unsere Vorfahren haben eigentlich zwei Sonnen verehrt: eine Sommersonne, die ihre Zeugungskraft voll entfaltet hat: also eine männliche Sonne. Die Franzosen sagen »der Sonne« (le soleil) und die Spanier und Italiener verehren die männliche Sonne. Und wir sagen »die« Sonne und verehren das Weibliche, das neue Leben hervorbringende Gestirn. Beide gehören zusammen.

Offensichtlich wurde in Stonehenge die männliche Sonne verehrt. Ebenfalls das in der Nähe stehende Woodhenge ist auf den Aufgangspunkt der Sommersonne ausgerichtet.

In der Symbolik und in der Wappenkunst wird die Sonne auch als Springer (Rössl) dargestellt, weil sie alljährlich den Himmelsäquator überspringt. Jedes Jahr geht es rauf und runter, rauf und runter. Das goldene Rössl ist ein Bekenntnis zum Sonnenkult, Gold ist die Farbe der Sonne. Aber es gibt auch Unterscheidungen: das weiße Rössl (vom Wolfgangsee) ist die Sommersonne, das schwarze Rössl die Wintersonne. Und tatsächlich gibt es in Südengland den Kult der »white horses«. Weiße Pferde in die Landschaft gestaltet.

Stonehenge war der eine Teil des Kultes, die Verehrung des männlichen, des zeugenden und erzeugenden Prinzips. Aber das konnte nur ein Teil der Wahrheit sein. Der andere, ergänzende Teil war Avebury. Dort wurde offensichtlich - durch die Beziehung zu Mond und Venus - das weibliche Prinzip verehrt. Avebury ist die weibliche Entsprechung zu Stonehenge. Avebury ist auch die Ergänzung zu dem dortigen »white-horse-Kult«. Damit ist auch die Frage beantwortet nach der Bedeutung von Avebury neben Stonehenge. Die Zentren gehörten, zumindest über große Zeiträume, zusammen. Es gab damals weder ein einseitiges Patriarchat noch ein einseitiges Matriarchat. Es gab nicht »Menschen«, sondern nur das Menschenpaar, bestehend aus Mann und Frau, dem Zeugenden und der Gebärenden. Die frühe Hochkultur Europas wäre ohne die vollkommene Ergänzung von Mann und Frau unmöglich gewesen.

Avebury ist die schönste und interessanteste Kultstätte Europas. Sie war im Gesamtplan mit Stonehenge Stätte der Wissenschaft, der Rechtspflege und der Verehrung des Göttlichen (der Schöpferkraft). Auch heute noch ist es eine Stätte der Ruhe, der Besinnung und somit eine Stätte der Kraft. Immer wieder sieht man Menschen, alleine oder kreisförmig sitzend, in Gruppen, still in sich gekehrt, die seit Jahrtausenden wirkende Kraft der Veränderung und Wandlung in sich aufnehmend.

Nach Rolf Müller gab es einmal in Europa über tausend Kreise in Stein, also kreisförmig gebaute Anlagen, in denen der Kreis als das Sinnbild der Welt verehrt wurde, Symbol für Gott, Ewigkeit und ewiger Wiedergeburt alles Seienden. Davon sind heute nur noch Spuren nachweisbar. Es sind die Spuren einer einstigen Hochkultur, die einer neuen Weltordnung weichen musste.

Anmerkungen
1 Anm. d. Red.: Es gibt jedoch auch alternative Chronologien.
2 Anm. d. Red.: Wie wir heute zu wissen glauben.
3 Anm. d. Red.: Hier dürften eher die nicht-indogermanischen »Proto-Germanen« gemeint sein.
4 siehe Anmerkung 2

Literatur
[1] »Stonehenge and Avebury«, London 1959, R. J. C. Atkinson.
[2] »Windmill Hill and Avebury«, London 1959.
[3] Blatt »Avebury« des Keiller Museums, 1991.
[4] Rolf Müller: »Der Himmel über dem Menschen der Steinzeit«, Springer Verlag, ISBN 3-540-11096-8.
[5] Edwin C. Krupp: »Astronomen, Priester, Pyramiden«, München 1980.
[6] Karlheinz Baumgartl: »Das Geheimnis der schwarzen Madonna«, Verlag Franz Spilka, A-4880 St. Georgen i. A. 1987.
[7] Karlheinz Baumgartl: »Der Teil des Ganzen«, Eigenverlag, D-84367 Zeilarn, 1980.


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