Ordnung + Chaos =
Harmonie?
© Horst Friedrich;
veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 11/1995
Schon
sehr lange tobt der Streit der Meinungen/Ansichten/Vermutungen, ob nun das
Universum - wie es etwa die Pythagoräer (1), Kepler oder Newton sahen - eine
Manifestation quasi göttlich gesetzmäßiger Ordnung oder ein unentwirrbares
Chaos (2) sei. Was spricht für das eine, was für das andere?
Betrachten
wir zunächst den Wortsinn. Unter „gesetzmäßige Ordnung“ wird gemeinhin
verstanden, dass man - aber dies ist nota bene ein Konstrukt unseres in
Gegensatzpaaren denkenden Verstandes! - einen gewissen unveränderlichen,
verstehbaren (!) Zusammenhang nach bestimmten Gesichtspunkten zwischen
konkreten Dingen und Erscheinungen zu erkennen glaubt. Unter „Chaos“ wird das
Gegenteil verstanden: das völlige Durcheinander, in dem unser Verstand (!)
keinerlei Ordnung oder Gesetzmäßigkeit erkennen kann.
Zurück
zu unserer oben gestellten Frage: Ist das Universum Ordnung oder Chaos? Was
spricht - unter Berücksichtigung der soeben gegebenen Wort-Definition - für das
eine, was für das andere? Die Auflistung auf Seite 15 versucht diese Frage zu
beantworten.
Nach
dieser - provisorischen und auszugsweisen - Auflistung scheint es, als hielten
sich die Argumente für und wider „gesetzmäßige Ordnung“ respektive „Chaos“ die
Waage. Ist die Frage am Ende unentscheidbar? Oder tritt beides stets gemischt
auf?
In
der Tat scheint bereits ein kurzes, jedoch nachdenkliches, Betrachten des
Weltalls einerseits und einer beliebigen Natur-Wildnis andererseits den
Eindruck zu vermitteln, es sei hier beides - „gesetzmäßige Ordnung“ und „Chaos“
- zugleich vorhanden. Stets miteinander vermischt, wie Yin und Yang in der
taoistischen Philosophie (3). Ist am Ende „gesetzmäßige Ordnung“ = Yang und
„Chaos“ = Yin?
Wie
dem auch sei, die Auflistung auf Seite 15 scheint jedenfalls darauf
hinzudeuten, dass das Leben - das Tao - sich möglicherweise stets zugleich als
„gesetzmäßige Ordnung“ und „Chaos“, in Form des Universums mit seiner
unendlichen Erscheinungsvielfalt, manifestiert. Dies würde bedeuten, dass zu
wahrer kosmischer Harmonie, in der sich die Wesen optimal zu entfalten
vermögen, beides gehört.
Die
Rückwirkungen einer solchen - aus Betrachtung des Kosmos und der Natur
gewonnenen - Philosophie auf die Menschenwelt sind offensichtlich. Die
weiseste, dem Gemeinwohl wie dem Individuum gedeihlichste Regierungsform wäre
demnach jene, die auf harmonische und fruchttragende Weise „gesetzmäßige
Ordnung“ mit „Chaos“ unter einen Hut zu bringen wüsste. Wobei nota bene dem „Chaos“
hier mehr der Sinn des taoistischen „Yin“ zukäme, keineswegs der eines
chaotischen Durcheinanders mit Auflösung aller Ordnung (wo dann das ebenso
notwendige „Yang“ ja eben fehlen würde).
Im
Übrigen dürfen wir nicht vergessen, dass Yin und Yang auch nur tastende
Verstandeskonstrukte sind. Auch sie sind bereits Manifestationen des Tao, das
unergründlich im Hintergrund bleibt.
Für
»gesetzmäßige Ordnung« spricht
· die
Tatsache, dass es „Naturgesetze“ (4) gibt,
· das
Betrachten eines Berg- oder sonstigen Kristalls,
· die
kabbalistischen Buchstaben-Zahlen- (etc.-) Entsprechungen,
· die
verlässlich-regelmäßigen (scheinbaren) Bewegungen von Sonne, Mond, Planeten,
· die
Spektralfarben (Regenbogen!),
· die
regelmäßige Form einer Schneeflocke oder Bienenwabe,
· die
typischen Wirbelbewegungen in strömendem Wasser,
· die
Reproduzierbarkeit der chemischen/alchemistischen Reaktionen,
· der
gesetzmäßige Aufbau von Pflanzen (Blüten, Bäumen ...),
· die
Existenz der (nota bene: ernsthaften) Astrologie,
· die
Existenz geometrischer Formen in der Natur,
· die
(relative) Reproduzierbarkeit medizinischer Heilmethoden,
· die
zahlreichen in der Natur zu beobachtenden quasiperiodischen Vorgänge
(Sonnenfleckenkurve!).
Für »Chaos« spricht
·
das Betrachten einer Urwald-Wildnis,
·
die weite Streuung der Bahnelemente der Kometen
oder Planetoiden,
·
die Tatsache der prähistorischen Kataklysmen,
·
die „Zufallsverteilung“ zahlreicher
astronomischer Werte im Weltall,
·
der wirre Anblick einer Gebirgskette,
·
die ungeheuerliche Vielfältigkeit der Natur,
·
die unzuverlässigen, jeder Prognose spottenden
„Launen“ des Wetters,
·
die Verteilung der Landmassen und Ozeane auf der
Erde,
·
das Faktum zahlreicher, mit nichts
korrelierender quasisingulärer Natur-Phänomene (5),
·
die Verteilung der Primzahlen,
·
die geologischen Detailformen der Erdoberfläche,
·
das Beobachten unseres ewigen Gedankenstromes.
Anmerkungen
1 Zu den
Pythagoräern, im Gesamtzusammenhang der antiken Philosophie, sehr informativ:
Wilhelm Windelband: „Geschichte der alten Philosophie“. Mir liegt davon nur die
amerikanische Ausgabe vor: „History of Ancient Philosophy“, New York 1956
(Dover Paperback), S. 93 - 100 und passim.
2 Hierzu sehr
aufschlussreich: Livio C. Stecchini: „The Inconstant Heavens“, in: Alfred de
Grazia (Hrsg.): „The Velikovsky Affair“, London 1966, S. 80 - 126.
3 Hierzu sehr
empfehlenswert: John Blofeld: „Der Taoismus“, Köln 1986; ders.: „Eine Reise von
tausend Meilen beginnt mit einem Schritt“, Bern/München/Wien 1991 (2. Auflage.
4 Es sind hier sowohl
die von der Schul-Naturwissenschaft als auch die von den nonkonformistischen
Wissenschaften (Alchemie!) entdeckten, als auch eventuelle noch unentdeckte
Naturgesetze inbegriffen.
5 Hierzu bringt viel
Material: William R. Corliss: „Handbook of Unusual Natural Phenomena“, Glen
Arm/MD (USA) 1977.