(Sie ist griechisch!)
© Paul J. Muenzer, veröffentlicht in EFODON SYNESIS Nr. 6/2003
,,Durch ihre Unglaubhaftigkeit entzieht sich die Wahrheit dem Erkanntwerden“
(Heraklit von Ephesos, um -500)
1895 hatte Sir Arthur Evans, der Ausgräber des Palastes von Knosos, erkannt, dass bestimmte bildhaft anmutende Zeichen auf minoischen Siegeln in Wahrheit Schriftzeichen sind. Heute, 110 Jahre danach, ist diese Siegelschrift, die von -2100 bis -1600 in Gebrauch war, entziffert, und damit die älteste lesbare Schrift Europas.
Nach über dreitausendjährigem Schweigen sprechen die einfachen aber kraftvollen, mit künstlerischem Sinn gestalteten Zeichen wieder klar und deutlich zu uns. Und, was die Gräzisten und Indogermanisten nicht im Traum erwartet hätten: sie sprechen griechisch (natürlich noch mit Digamma).
In bestem silbenschriftlichem Griechisch nennen sie uns die Namen, Berufe und Titel ihrer einstigen Besitzer. Es sind wohlvertraute Namen, die hier aufklingen - Namen, denen man zu Dutzenden auch bei den klassischen Griechen begegnet. Außerdem erfahren wir die Namen einiger Gottheiten und deren Epithete, von denen Eris, Hermes und Hellotis auch noch zu den Zeiten von Homer und Platon bekannt waren. Eine vereinfachte Form der Siegelschrift findet man auf Anhängern, Barren und Gefäßen aus Ton, von denen man in Knosos und Nähe bis jetzt 120 entdeckte. Sicher wurden auch Palmblätter, Papyrus, Holz und Leder damit beschrieben, nur blieb davon nichts erhalten. Um -1600 verschwand die Siegelschrift plötzlich aus noch ungeklärten, wahrscheinlich politischen Gründen. Dass sie trotzdem noch lange nicht vergessen war, beweisen eine Reihe von Zeichen der tausend Jahre jüngeren klassisch-kyprischen Silbenschrift, die bestimmten Zeichen der Siegelschrift stark ähneln und noch die gleichen Lautwerte wie diese haben.

Siegel eines König Minos
Achtseitiges Prisma (L = 19 mm, D = 9 mm). Von Neapolis, Kreta. Das Siegel ist einzig in seiner Art und hat die längste Inschrift aller bisher bekannten minoischen Siegel.
Text: „Titau, Pantó- philos Sébas Teléstas Períttas MINOS Panto-Paián. Mílon.“ = „Sohn des Titas, ganz geliebter, hochwürdiger, vollkommener, ausgezeichneter MINOS, allheilender Arzt. Milon.“ (Milon ist der Name des Siegelschneiders oder Schenkers).
Die minoische Siegelschrift ist - wie erst jetzt erkennbar wurde - die Mutter aller ägäischen Silbenschriften: des minoischen Linear A (-1850 bis -1450), des mykenischen, 1952 von dem englischen Architekten Michael Ventris entzifferten Linear B (-1450 bis -1200) sowie der schon 1872 entzifferten klassisch-kyprischen Silbenschrift (-600 bis -500). Alle diese Schriften sind zeichenvereinfachte, für die Bedürfnisse der Palastverwaltung geschaffene Varianten der Siegelschrift; alle sind sie griechisch und folgen den selben silbenschriftlichen Schreibregeln. Damit ist das Rätsel der ägäischen Silbenschriften nun auf überraschend einfache Weise gelöst!
Während viele, wenn auch ohne Erfolg, das Linear A zu entziffern suchten, ist eine Entzifferung der Siegelschrift noch nie probiert worden. Der Grund: man war der festen Überzeugung, die Siegelschrift enthalte eine fremdartige, ausgestorbene, echtkretische Sprache und sei deshalb unentzifferbar. Manche vermuteten auch Wortideogramme in der Siegelschrift und hielten die mehrfach in ihr vorkommenden Zeichengruppen für magische Glücks- oder Abwehrformeln. Nichts von alledem trifft zu. Nicht einmal Spuren jener hypothetischen Phantasiesprache sind vorhanden!
Die minoischen Schriftsiegel, von denen bisher erst 160 gefunden wurden (sowie 60 Tonabdrücke von solchen Siegeln), sind nur 15 bis 20 Millimeter groß, entweder rund, mandelförmig oder von der Form eines drei- oder vierseitigen Prismas. Alle besitzen eine Durchbohrung für die Schnur, an der sie getragen wurden. Als Material diente zumeist der leicht zu bearbeitende Steatit, auf Deutsch Speckstein. Mit fortgeschrittener Technik der Steinschneidekunst wurden jedoch auch harte Halbedelsteine wie Achat, Bergkristall, Chalzedon, Jaspis, Karneol und Onyx der verschiedensten Farben verwendet. Ein paar Elfenbeinsiegel gibt es ebenfalls und sogar ein Siegel aus Gold, auf das der Name der altkretischen Göttin Hellotis und deren Epithete eingraviert sind.
Die ägäischen Silbenschriften verwenden nur Zeichen für die Vokale a, e, i, o und u sowie Zeichen für die aus Konsonant-plus-Vokal bestehenden Lautwerte wie zum Beispiel: ta, ro, si, pe, ku usw. Außerdem gilt: p = b = ph, t = d = th, k = g = ch und r = 1.
h wird nicht geschrieben, n, r und s am Wortende ebenfalls nicht. Im Wortinnern werden die Dauerkonsonanten n, m, 1, r und s vor den Momentkonsonanten k, p und t weggelassen. Das Ergebnis ist eine nur fünfzig bis sechzig Zeichen umfassende Silbenkurzschrift. Diese ist nicht nur schnell zu schreiben, sondern auch -im Unterschied zur mesopotamischen Keilschrift und der ägyptischen Hieroglyphenschrift mit ihren jeweils über sechshundert Zeichen - rasch zu erlernen. Mag dieses System zunächst auch etwas verwirrend erscheinen, man gewöhnt sich sehr rasch daran. Es ist nämlich so gut durchdacht, dass wir es heute nicht besser konzipieren könnten. Sein einziger Nachteil besteht in seiner Mehrdeutigkeit. So kann zum Beispiel a-ki-jo sowohl Archion, als auch Hagion oder Alkios bedeuten. Im Unterschied zum Entzifferer wussten die Minoer jedoch immer, wer oder was im Einzelfall gemeint war.

Siegel des Obersten Priesterarztes
Agathas (a-ka-ta), Akontes (a-ko-te), Anthes (a-te), Aratos (a-ra-to), Chalkon (ka-ko), Charopos (ka-ro-po), Euphantos (e-u-pa-to), Hermon (e-mo), Ikanos (i-ka-no), Karanos (kara-no), Lerion (le-ri-o), Megistes (me-ki-te), Milon (mi-lo), Ortholaios (o-to-la-jo), Paian (pa-ja), Pantares (pa-ta-re), Peratos (pe-ra-to), Periteles (pe-ri-te-le), Pythis (pu-ti), Skaios (ka-jo), Socharis (so-ka-ri), Sokos (so-ko), Soteles (so-te-le), Thales (ta-le), Theron (te-ro), Themistos (te-mi-to), Tychios (tu-ki-jo). An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass nach den silbenschriftlichen Regeln Knosos (ko-no-so), Phaistos (pa-i-to) und Amnisos (a-mi-ni-so) geschrieben werden.
Dass sowohl die Siegelschrift als auch das Linear A trotz des jeweils geringen zur Verfügung stehenden Schriftmaterials (nämlich weniger als 10 % des Linear B-Schriftmaterials) entziffert werden konnten, ist u.a. der Tatsache zu verdanken, dass die Wörter beider Schriften zu 99 % aus Eigennamen bestehen (darunter beim Linear A über zwei Dutzend Ortsnamen). Wie aber gelang die Entzifferung? Ganz einfach: mit einer Methode, die sich die verschiedenen statistischen Eigenschaften der verschiedenen Silbenlautwerte und deren Zeichen auf intelligente Weise zunutze machte und außerdem bestimmte Wörter mit Silbenreduplikation zu Hilfe nahm. Diese Methode ist absolut idiotensicher, aber etwas zeitaufwändig. So erforderte die Entzifferung der Siegelschrift rund zwölftausend Arbeitsstunden und die Entzifferung des Linear A etwa ebenso viel.







Die Machtübernahme der griechisch Sprechenden dürfte auf ähnliche Weise erfolgt sein wie die Unterwerfung Oberitaliens durch die Kelten um -400 oder die Eroberung Englands durch die Angelsachsen um 450 bzw. durch die Normannen 1066. Dabei ist anzunehmen, dass die eingeborenen Kreter noch längere Zeit ihr eigenes Idiom gesprochen und das Griechische ihrer Herren erst allmählich übernommen haben.

Dreiseitiges Prismensiegel


Siegel eines Sänger-Tänzers (molpastés)
Siegelabdruck aus dem Palast von Knosos, 1900 von A. Evans gefunden. Er zeigt das Bild einer minoischen Führungspersönlichkeit mitsamt ihrem Titel in silbischer Siegelschrift (rechtsläufig mit kreuzförmiger Anfangsmarkierung).
te-le-ta = Telestas. Das ist griechisch und bedeutet sinngemäß „Exzellenz“. Te-le-ta erscheint mehrmals auch in der mykenischen Silbenschrift Linear B als Funktionärstitel. Im klassischen Griechenland war Telestas dann ein Männername. Das in einer Feuersbrunst rotverziegelte Tonfragment ist nur 3,5 Zentimeter lang und 1,4 Zentimeter breit. Bei der Entzifferung der Siegelschrift spielte dieser Siegelabdruck eine entscheidende Rolle.

Trotz ihrer Kürze und ihrer beschränkten Zahl werfen die siegelschriftlichen Texte endlich etwas Licht in einen Abschnitt der minoischen Geschichte, von dem außer Mythen, Kunstwerken und Bauten praktisch nichts bekannt ist und gestatten einen authentischen Blick in die minoische Lebenswirklichkeit mit ihrer Gesellschaftsstruktur und sozialen Ordnung sowie ihren sprachlichen und dynastischen Verhältnissen.


Hermokolos = Hermesdiener (d.h. schon die Minoer kannten den Hermes!). Das Krügchen fand man in Chrysolakkos, einem Begräbnisplatz beim Palast von Malia.
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Paul J. Muenzer
Erzgießereistr. 26/R, D-80535 München, Telefon: 089-5232749
Die Silbenlautwerte der Siegelschriftzeichen:
